Ich habe viel Verständnis – für alles und jeden sozusagen. Doch für eins fehlt mir das Verständnis völlig: Für Menschen, die Kinder verurteilen.

Es schwelt schon so lange in mir und steigert sich mit jedem Mal, bei dem wir uns über den Weg laufen. Aus Höflichkeit wünsche ich dir einen guten Morgen und ersticke fast daran, denn eigentlich wollen ganz andere Worte aus meiner Kehle zu dir durchdringen. Ich scheue mich jedoch davor, dir meine Klagen um die Ohren zu hauen, denn du wirst es nicht verstehen. Du weißt nicht, was du mit deinem Verhalten getan hast. Wahrscheinlich ist es dir gar nicht bewusst, dass etwas nicht in Ordnung war. 

Verständnis, hochsensible Kinder, besondere Kinder

Kinder wollen geliebt werden

Jedes Kind sehnt sich nach Liebe, Aufmerksamkeit und Verständnis für seine Bedürfnisse. Doch bei dir hapert es vor allen Dingen am Verständnis. Du siehst Symptome, ein Verhalten, das deinen Vorstellungen nicht entspricht und veränderst schlagartig deine Einstellung. Aus einem Spielbesuch wird ein Martyrium, das nicht nur mein Kind betrifft. Mittlerweile sagte mir auch eine andere Mutter, dass du ihr Kind ebenfalls nicht magst. Wie kannst du so sein? Wie kannst du es mit dir vereinbaren, eine Abneigung gegenüber einem Kind so offensichtlich zum Ausdruck zu bringen?

Als Erwachsene sehen wir vieles, was Kindern verborgen bleibt. Doch sensible Kinder spüren auch dies. Sie sehen einen freundlichen Gesichtsausdruck und hören den miesen Unterton, der im Gespräch mitschwingt. Mit solchen Verhaltensweisen kommen Kinder noch früh genug in Kontakt, doch dann sollten sie längst aus dem Kleinkindalter herausgewachsen sein und viele positive Lebenserfahrungen mit echten freundlichen Menschen gemacht haben. Doch du bist anders. Bei dir gibt es gleich die volle Breitseite. Als Vorbild versagst du damit in meinen Augen. Denn dein subtiles Verhalten wird sich vielleicht auf deine Kinder übertragen. Mir graut es davor, denn sowas ist in meinen Augen Mobbing. Wohin sowas führen kann, wissen wir doch alle. Denn das Thema psychische Gewalt wird nicht umsonst regelmäßig in Schule und Medien thematisiert.

Ich bin wütend, zutiefst verletzt und doch versuche ich, die Situation objektiv zu betrachten. Nach wochenlangen Überlegungen komme ich zu dem Schluss, dass es dir einfach nicht gelingt, besondere Kinder zu verstehen. Vom Umgang mit ihnen ganz zu schweigen und das tut mir unendlich weh. Es triggert mich und lässt Bilder vor meinem Auge entstehen, die ich nicht sehen möchte.

Warum fehlt dir das Verständnis?

Dein Leben ist einfach: Deine Kinder halten sich an Regeln, sind daheim freundliche und angepasste Wesen, die kaum Fehler machen und sich zu deiner vollsten Zufriedenheit verhalten. Geschwisterrivalität kommt zwar vor, wird aber durch deine antiautoritäre Erziehung und Singsangstimme gut gehändelt. Zumindest macht es den Anschein danach. Ich maße mir nicht an, über deine Erziehung zu urteilen. Denn das obliegt jedem selbst. Meistens bin ich ein Mensch, der klare Regeln, Grenzen und Strukturen bevorzugt und hier und da auch mal ein Auge zudrückt. Ich bin nicht per se autoritär und versuche oft, mit meinen Kindern Dinge auszuhandeln. Ja manchmal diskutiere ich zu viel, obwohl ich da wiederum klar sein sollte. Aber so bin ich. Das Lesen von Erziehungsratgebern habe ich bereits im ersten Erziehungsjahr meiner Großen aufgegeben. Denn Kinder sind nicht gleich und wollen als Individuen wahrgenommen werden. Jedes Kind ist anders. Wenn bei dem einen die Singsangstimme fruchtet, kann sie bei dem anderen Kind ins Gegenteil verkehren. Ich selbst schalte auf Durchzug, wenn mich jemand monoton einlullt. Kann ich nicht so ernst nehmen. Aber ich bin ich und du bist du. Wir beide hatten unterschiedliche Erfahrungen in unserer eigenen Kindheit und das prägt uns auch als Erziehende. Alles ist gut, Mischkultur ist ergiebiger als Monokultur. Wo kommen wir denn hin, wenn alles gleich abliefe. Wäre ja so wie in einer Roboterwelt. Aber nun gut, soviel zu meinem Verständnis und unserer unterschiedlichen Ansicht zum Thema Erziehung. Dein Blick auf deine Kinder ist liebevoll. Ihr harmoniert perfekt!

Doch sie sind anders, wenn sie nicht bei dir daheim sind. Dann sind sie lebhafter, gehen über Grenzen und sind auch mal wild. All das, was daheim scheinbar zu kurz kommt. Und das ist für die kindliche Entwicklung auch gut so.

Zum Umgang mit Besuchskindern

Wenn jemand bei dir zu Besuch ist und eine Grenze übertritt, ist es dein Job, diese Grenze zu verdeutlichen. Kinder brauchen deutliche Grenzen, die sie verstehen. Gleichzeitig müssen Kinder aber auch geschützt werden. Es kann nicht sein, dass ein Kind in eine Ecke gedrängt wird, aus der es sich nicht mehr selbst befreien kann. Dies führt zu Reaktionen, Engpässen, Fluchtgedanken. Voller Angst und Adrenalin handelt das Kind. Du siehst das Symptom und hinterfragst es nicht. Es ist dir egal, was dazu geführt hat, denn dass deine eigenen Kinder pietätlos waren, hast du nicht gesehen. Ich bin vollkommen bei dir, wenn es um angemessene Verhaltensregeln geht. Gewisse Umgangsformen gehören zum guten Ton. Aber auch eine Streitkultur will gelernt sein. Wie sollen Kinder lernen, miteinander etwas auszuhandeln, wenn alles von Elternseiten geregelt wird? Hierbei gilt es doch, einen schützenden Rahmen zu geben, der solche Aushandlungen erst möglich macht. Diesen Rahmen nicht zu stellen und alle Entscheidungen für die Kinder zu regeln halte ich für fahrlässig.

Vielleicht kommt sowas bei dir nicht vor, so dass du schockiert bist, wenn Kinder sich nicht alles gefallen lassen. Kinder, deren innerer Kompass aus dem Gleichgewicht geraten ist, brauchen kein einlullendes Singsang. Sie brauchen ernsthaftes Verständnis! Zumindest aus meiner Erfahrung – auch hier will ich niemanden über einen Kamm scheren.

Besondere Kinder brauchen Unterstützung

Im beruflichen Alltag habe ich mit vielerlei Besonderheiten zu tun. Hier fällt es mir manchmal schwer, Einzelschicksale nicht zu nah an mich heranzulassen. Dennoch gehe ich mit viel Fingerspitzengefühl auf Kinder zu, die Schicksalsschläge erlitten haben, in schwierigen Verhältnissen aufwachsen oder vom Wesen her schon sehr sensibel sind. Für diese Besonderheiten scheinst du keinen Blick zu haben. Eine andere Vermutung legt nahe, dass du befangen bist und gar nicht weißt, wie du dich solchen Kindern gegenüber näherst.

Wie ich es drehe und wende, ich versuche damit, eine Entschuldigung für dein Verhalten zu finden. Doch es gelingt mir nicht. Man zeigt Kindern nicht, dass man Vorbehalte gegen sie hat! Dass du es so offensichtlich hast durchblicken lassen, dass selbst andere Kinder davon Wind bekommen, ist einfach nicht zu entschuldigen. Es ist eher erschreckend, dass es nicht nur mein Kind betraf, sondern auch andere.

Nicht ich bin falsch, weil mein Kind nicht deinen Normen entspricht und nach deinen Maßstäben nicht gut erzogen ist. Meine Kinder sind gut erzogen, kennen ihre Grenzen und erweitern sie hin und wieder. Das ist gut und auch normal, denn seine Grenzen neu zu stecken liegt in der Natur des Menschen. Andere Mütter haben sich nicht beschwert und freuen sich über den Besuch meiner Kinder. Sie erleben sie als höflich, lebhaft und kreativ. Selbst über Nacht durften sie schon bleiben. Mir zeigt es einfach, dass du mit besonderen Kindern überfordert bist und dich nicht in sie hineinversetzen kannst. Das ist sehr schade.

Liebe und Verständnis, Verständnis für Kinder mit Besonderheiten

Was ich dir nicht sagen kann

All dies kann ich dir nicht sagen, denn dann würde ich mich in Rage reden. Auch wenn ich sonst sehr beherrscht sein kann, würde mir in dem Moment der Kragen platzen, sobald du mit deiner Singsangstimme Partei für dich ergreifst.

Und so wünsche ich dir weiterhin einen guten Morgen und verhalte mich nach außen freundlich. Ich möchte nicht, dass du meine Ablehnung deines Verhaltens so spürst, wie du es mich und meine Tochter hast spüren lassen. Denn im tiefsten Innern hoffe ich, dass du wirklich einen guten Morgen hast. Einen solchen Morgen, der dir bewusst werden lässt, dass du etwas ändern solltest.

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15 comments on “Besondere Kinder brauchen mehr Verständnis”

  1. Huhu.
    Hast du ein neues Design? Fand das alte ganz hübsch.
    Interessantes Thema und schön geschrieben. Jedes Kind brauch liebe und Zuwendung und jedes Kind ist was besonderes.

    Alles liebe

  2. Kommt mir irgendwie bekannt vor, leider. Ich verstehe versuche es manchmal mit dem Wink mit dem Zaunpfahl. Diskutieren mag ich über solches Verhalten auch nicht, denn dann könnte es passieren das ich Sachen sage, die ich lieber nicht sagen sollte. Aber ganz den Mund halten kann ich nicht, wenn ich etwas unmöglich finde.

  3. Ein interessantes und offensichtlich nicht einfaches Thema.
    Ich mag deine Ansätze und Gedanken dazu, dass Kinder auch verstehen müssen, wo Grenzen sind und ein Mass an Erziehung nunmal notwendig ist. Aber wie du auch richtig sagst, ist das Thema wesentlich komplexer und Verständnis ist ganz sicher einer der wichtigen Schlüssel, nicht nur im Umgang mit Kindern.

  4. Kein einfaches Thema und ich kann das gut Verstehen, das man das nicht anspricht. Nicht weil man das nicht kann und will, sondern eher weil es dann nicht gerade „gerade“ läuft und man dabei Sauer wird.
    Aber die Kunst ist es, einfach Hallo zu sagen und sich den rest zu Denken. Das hilft einen oft am besten.

    Liebe Grüße
    Julia

  5. Huch, wo ist mein Kommentar hin? Kannst du bitte den komischen anderen Kommentar löschen?

    Dann halt noch mal! Ich kenne das, man lächelt oft und meint es eigentlich nicht so! Auf der Arbeit erlebe ich auch so manches Mal Momente, in denen ich mir denke „Geht das zu Hause auch so ab“.

    Kinder brauchen Liebe und Zuneigung, den Rest der Gefühlswelt bekommen sie früh genug noch mit. So lange sollte man sie möglichst davor schützen. Erst recht, wenn es auch noch von fremden Personen ausgeht.

    Liebe Grüße
    Jana

  6. Liebe Yvonne,
    da kann ich dich nur zu gut verstehen.
    Mein Kind wird jetzt nicht speziell von einer Mutter nicht gemocht oder ähnliches. Allerdings reagieren manche Mütter übersensibel, wenn ihr Kind sich mit anderen streitet und dann vielleicht mal ein Tränchen fließt. Da wurde zwischen eigentlich zwei besten Freundinnen schonmal ein „mehrjähriges“ Spielverbot ausgesprochen. Das sitze ich dann aus. Sie schadet damit ja auch dem eigenen Kind. Und denkt sie denn, wenn hier gespielt wird fließen auf der anderen Seite nicht auch mal Tränchen? Das sind halt Kinder, nicht wahr? (das Verbot wurde übrigens nach zwei Wochen aufgehoben)
    Was ich allerdings nicht mag und wo ich meine Tochter dann auch nicht mehr hinschicken mag: Wenn ich weiß, dass die Erdnüsse, auf die sie so allergisch reagiert nicht mal für zwei Stunden von der Bildfläche verschwinden können, sondern im Gegenteil das andere Kind sie noch damit ärgert und versucht, sie damit zu füttern. Da ist es mir dann lieber, wenn die beiden bei uns zuhause spielen.
    Liebe Grüße
    Isabell

    • Danke für deine vielen Zeilen 🙂 Das mit dem Aussitzen kenne ich auch, aber die Mutter ist leider hartnäckig geblieben. Auch wenn die Tochter oft beim Abholen im Kindergarten gefragt hat, ob sie nicht mal wieder mit unserer Tochter spielen dürfe. Es ist traurig! Die Sache mit den Erdnüssen verstehe ich voll und ganz. Da geht es um allergische Reaktionen, die evtl. sogar zu Erstickung führen kann. Das ist dann alles andere als lustig und grob fahrlässig!
      Liebe Grüße,
      Yvonne

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