Immer wieder werde ich in den letzten Tagen mit dem Thema Hochsensibilität konfrontiert – sei es am eigenen Leib oder bei meinen Kindern.

Vor einer Woche erst, als ich in einem sehr interessanten und lehrreichen Workshop war zum Beispiel: Im Rahmen einer Kennenlernrunde sollten wir Teilnehmer die Methode der Sprechmühle kennenlernen. Im Prinzip keine schlechte Sache: Smalltalk zu einem bestimmten Thema mit einer zufällig zugeteilten Person. Wenn sie nicht etwa fünfzehn Gespräche gleichzeitig in kleinstem Raum beinhalten würde…

Hochsensibilität – Reizüberflutung bis zur Erschöpfung

Das war für mich unglaublich schwierig. Nicht, dass ich keinen Smalltalk halten könnte, aber das aktive Zuhören und Sprechen zu vollziehen, wenn direkt neben mir in jeder Richtung ebenfalls gesprochen wird, ist für mich extrem schwierig. Alle Nebengespräche auszublenden, die Raumlautstärke zu ignorieren und nur seinem Gegenüber zuzuhören, ist hardcore! Die kurze Übung von insgesamt 15 Minuten hat mich so dermaßen geschlaucht, dass ich den weiteren Workshopinhalten bis zur Pause erstmal nicht mehr folgen konnte. Mein Gehirn verlangte nach Ruhe und schaltete einfach ab. Nach der Pause und einem Raumwechsel ging es dann wieder. Diese Möglichkeiten hat man jedoch nicht immer und irgendwie muss man dann damit zurecht kommen.

Für eine nicht hochsensible Person ist die rasche Erschöpfung nicht leicht nachzuvollziehen. Man hat sich ja nicht offensichtlich angestrengt, warum ist der Körper dann so matt? Wieso fängt man dann öfter an zu gähnen, obwohl doch genug Schlaf in der Nacht vorhanden war?

Gehirne arbeiten anders

Tja liebe Leute, das Gehirn hochsensibler Personen arbeitet stringent. Immer wieder erfährt es Reize, sie strömen sozusagen ungefiltert ins Innere. Kein Türsteher sagt da einfach: „Du kommst hier net rein.“ Nein, wir hochsensible Personen nehmen (je nach persönlichem Sensibilitätsgrad) bestimmte sensorische Reize auf, ohne sie zu filtern. So zum Beispiel heute: Auf dem Kurprogramm stand „progressive Muskelentspannung“, Übungen zum „Runterkommen“ und zum „Auszeit nehmen“. Keine schlechte Sache. Nicht aber, wenn man wie ich auf alle möglichen Außengeräusche reagiert und sie nicht ausblenden kann! Das stetige Tropfen der Dachrinne, der leichte Regen und ein paar verschobene Stühle haben mich so dermaßen beeinflusst, dass an Entspannung nicht zu denken war. Beim abschließenden Gespräch über aufkommende Empfindungen während der Übung konnte ich keine entspannenden Rückmeldungen geben und erzählte stattdessen von den mich störenden Geräuschen. Typischerweise hatte die – außer mir – nämlich keiner hören können (außer dem Stühlerücken).

Hellhörigkeit – eine mögliche Besonderheit bei Hochsensibilität

Ein weiteres Beispiel ist mir heute Nacht passiert. Meine Große knirscht ganz fürchterlich mit den Zähnen. Sie kann nichts dafür und baut damit Spannungen des Tages ab – eine entsprechende Knirscherschiene hatte sie innerhalb von wenigen Tagen durchgerieben (so extrem ist das). Obwohl ich nachts also mit Ohropax schlafe, bin ich vom Knirschen aufgewacht. Ich bin halt hellhörig, wie man so schön sagt…

Scannerblick – ausgiebiges Sehen und Wahrnehmen

Dies ist aber nicht der einzige Sinn, der bei mir ausgeprägter als bei anderen Menschen ist. Ich sehe nämlich auch Dinge, die andere geflissentlich übersehen. Mir fallen sofort Veränderungen im Raum ins Auge oder aber auch Dinge, die irgendwie anders sind. Auch nicht immer einfach, denn der sogenannte Scannerblick kann auch belastend sein. So zum Beispiel bei meiner Jüngsten. Sie hat auch diesen Blick und stört sich dann an allen Dingen, die irgendwie nicht in Ordnung sind. Sie hastet dabei von einem zum anderen, entdeckt immer wieder Neues und kann sich nur schwerlich auf ein Spielzeug etc. festlegen. Doch wenn sie sich dann entschieden hat, kann sie sich sehr ausdauernd damit beschäftigen. Das dauert jedoch.

Anpassungsschwierigkeiten – typisch bei Hochsensibilität

Weil ich um die Besonderheiten meiner Kinder – so unterschiedlich sie auch sind – weiß, hatte ich mir vor dieser Kur schon reichlich Gedanken gemacht. Gerechnet habe ich damit, dass meine Kleine enorme Anpassungsschwierigkeiten mit allen Umständen hat: räumliche Veränderung, Kinderbetreuung, andere Kinder, Lautstärke, gruppendynamische Prozesse usw. Überrascht hat mich dann aber Vieles: Zum einen dauerte es gar nicht lange, sie in der hiesigen Kinderbetreuung unterzubringen, denn dort gibt es eine Erzieherin, die ebenfalls hochsensibel ist und viel Verständnis für meine Kleine hat => ein SEGEN!!! Zum anderen wird ihr viel Beschäftigungsmaterial geboten, mit dem sie sich gut auseinandersetzen kann und dann die übrigen Reize der Umgebung, der Lautstärke etc. ausblendet. Das, was sie nach wie vor nicht mag, ist wenn andere Kinder ihr zu nahe kommen oder sie im Spiel Grenzen gesetzt bekommt. Dann ist sie sehr ungehalten…

Die Sache mit dem Sinn für Gerechtigkeit

Ganz anders die Große… Erstaunlicherweise war sie es, die die meisten Probleme hatte und sich gar nicht recht mit der neuen Situation anfreunden wollte. Wenn es nach ihr ginge, wären wir gleich wieder abgereist. Die Angst vor dem Unbekannten nagte an ihr. Nichts gefiel ihr, nichts schmeckte und überhaupt und sowieso fehlten ihr die Freunde. An sich ist sie sehr kontaktfreudig und findet schnell Anschluss, doch hier zeigte sie sich von einer anderen Seite: Sehr zurückhaltend, abwartend und eigentlich eher abwehrend – zumindest die ersten zwei Stunden. Diese Zeit brauchte sie, um sich erstmal mit der Gesamtsituation abzufinden. Irgendwann fasste sie sich ein Herz und sprach ein anderes Mädchen an. Gut, dass dieses Mädchen eine Zwillingsschwester hat und sich damit drei Mädchen gefunden hatten. Nach gut einer Woche findet die Große einige Dinge immer noch blöd, hat sich aber mit allem arrangiert und kann dem Aufenthalt mittlerweile auch mehr positive als negative Dinge abgewinnen. Mit ihrem großen Gerechtigkeitssinn, der ohnehin typisch für ihre Art der Hochsensibilität ist, hat sie sich nun mit einem Mädchen mit Asperger Autismus zusammen getan und setzt sich bei der Kinderbetreuung für die Interessen aller Kinder ein. Das ist gar nicht so leicht, aber zusammen haben die zwei schon einiges erreicht.

Unterschiedliche Ausprägungen für Hochsensibilität

So zeigt sich mal wieder, dass wir alle drei unterschiedlich sind und in ganz unterschiedlichen Ausprägungen mit der Hochsensibilität zu tun haben. Besonders toll ist, dass sich die Forschung und ohnehin immer mehr Menschen mittlerweile intensiver mit dem Thema auseinandersetzen. Und noch viel besser ist, dass die Menschen hier in der Kurklinik dem Thema offen gegenüberstehen und gesprächsbereit sind.

Da ich hier ab und zu mal Internet habe, habe ich in meiner kurzen freien Zeit noch einige interessante Artikel gefunden. Schaut mal hier und hier. Das Facettenreichtum der Hochsensibilität ist schon enorm ;-).

Gefällt dir der Beitrag? Dann freue ich mich übers Teilen 🙂

4 comments on “Die Sache mit der Hochsensibilität”

  1. Hallo Limalisoy,

    ein wunderbarer Beitrag, den du da geschrieben hast! Vor allem kommt ihr wieder deutlich zum Ausdruck wie wichtig es ist zu wissen, dass man hochsensibel ist. Nur dann versteht man seine eigene Reaktion und kann dann die entsprechenden Bedürfnisse herleiten und umsetzen.

    Lieben Dank dafür!

    Auch lieben Dank zu dem Link von Pia („Mama Mietz“), sie schreibt auch schöne Texte, ich kann das so herrlich nachvollziehen.

    Und: Es ist so wundervoll, dass es dieses Facettenreichtum unter Hochsensiblen gibt 🙂

    Euch wünsche ich euch weiterhin noch eine schöne Zeit und wir lesen uns 🙂

    Ganz liebe Grüße,
    Julia

    • Liebe Julia,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich immer, wenn sich andere Hochsensible auch zu Wort melden und die Welt dadurch immer noch facettenreicher wird.
      Wir lesen uns mit Sicherheit!
      LG Yvonne

    • Hallo Sandra,
      danke für die Nominierung. Nun habe ich den mittlerweile schon oft bekommen und mittlerweile auch schon recht viele Follower bei Facebook – deswegen falle ich auch aus den Richtlinien raus. Aber ich schaue gern mal rein 🙂
      Liebe Grüße,
      Yvonne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.