Mein Leben mit Depressionen ist nicht weniger lebenswert als jedes andere. Über den Punkt, an dem ich es nicht mehr ertragen kann, bin ich glücklicherweise hinaus. Was Depressionen mit mir machen, ist aber nicht leicht zu beschreiben. Die Außenwelt scheut sich noch davor, echtes Verständnis aufzubringen und so das Leben mit Depressionen auch für Betroffene lebenswerter zu machen.

„Sei doch nicht so traurig, du hast doch keinen Grund dafür“ – „Was schaust du denn so finster drein, wenn die Sonne lacht?“ – „Was sollen denn andere sagen, DIE haben nen Grund, aber du???“ – „Stell dich nicht so an, lach´ einfach mal wieder!“

Das sind einige wenige Aussagen, die ich als akut depressiver Mensch damals so zu hören bekam. Immer wieder mit der Aufforderung, einfach mal glücklich zu sein, damit meine Welt wieder in Ordnung kommen würde. Wie ich das gehasst habe! Wie schwer das ist, konnte sich niemand wirklich vorstellen. Naja, die Feinfühligen unter uns schon, aber für Außenstehende sind Depressionen oftmals nicht gut zu verstehen, geschweige denn nachzuvollziehen… 

Was bedeutet ein Leben mit Depressionen?

Die Wörter „Selbstlüge“, „Fassade“ oder „grausames und dunkles Dasein“ beschreiben ein Leben mit Depressionen sehr anschaulich. Ein Blick in fröhliche Gesichter oder gar gut gemeinte Ratschläge gießen dabei nur Öl ins dunkel flackernde Feuer.

Wenn die Sonne kaum noch durchs Dickicht scheinen kann, sind Aufforderungen zum Glücklichsein (wie oben) überhaupt nicht zielführend. Im Gegenteil! Solche Aussagen haben mich nur noch mehr runtergezogen und mir das Gefühl gegeben, zu Unrecht mit meinen Gefühlen – die nun mal eben traurig waren – zu leben.

Depressionen Dirk Ludwig
© Dirk Ludwig

Das Leben mit Depressionen hinter einer Fassade

Ich hatte diese Gefühle nun mal, muss ich mich etwa dafür rechtfertigen? Mich entschuldigen? Oder diese Gefühle ignorieren, nur damit ich „normal“ bin???? Ja, das musste ich wohl… Nein, ich habe es getan.

„Muss“ und „Soll“ sind nämlich die falschen Signale, die eine Selbstlüge nur noch stärker forcieren. Bewusste Willensabsichten, ausgedrückt durch Wörter wie (ich) <will> oder <möchte>, heben die Selbstlügerei auf.  DAS habe ich lernen müssen, als ich meine Depression endlich zugelassen habe und keine weitere Kraft in das Aufrechterhalten einer ohnehin bröckelnden Fassade gesteckt habe. Ich musste keine Fassade aufbauen, ich wollte es. Ich habe mich für meine Gefühle geschämt, habe mich versteckt und immer so getan, als ob alles kein Problem wäre. Habe meine wahren Gefühle unterdrückt, meinen Freunden ein falsches Bild von mir gezeigt, mich mit Aufgaben zugeschaufelt, damit ich funktionieren konnte und nicht nachdenken musste.

Ich wollte stark sein, mich im Griff haben, anderen etwas beweisen – mir selbst etwas beweisen! Keine Schwachstelle haben, mehr leisten und nicht weinen…

Ein Teufelskreis: Depressionen und eigener Leistungsdruck

Es ist so schade, dass die Gesellschaft ein Leben mit Depressionen zu gern verharmlost, unter den Teppich kehrt oder einfach nur totschweigt. Vergessen die Zeit, in der Teresa Enke die Krankheit ihres Mannes zum Thema machte. Um Aufklärung bemüht, um ein Zeichen zu setzen und vor allen Dingen um etwas zu bewegen!!!

Doch das echte Interesse an Depressionen, an den Dämonen, die die Betroffenen in ihrer schwarzen Klaue gefangen halten und zu Wahnsinnstaten veranlassen, verebbte viel zu rasch.

Stattdessen bekam das harmlos klingendere Wort „Burnout“ einen Aufwind. Burnout war gesellschaftsgängig und suggerierte eine rasche Heilung für eine „psychische Schwäche“.

Ich möchte nicht verleugnen, dass es einen Erschöpfungszustand gibt, der mit dem Begriff „Burnout“ beschrieben werden kann, aber wie viel Depression steckt schon darin?

Wem hilft es, wenn „Burnout“ zum guten Ton gehört, weil man nach einigen Wochen wieder fit ist und dem Arbeitsmarkt sowie der Gesellschaft zur Verfügung steht, während eine tiefe Depression scheinbar zu einer Sünde totgeschwiegen wird???

Den depressiv Erkrankten schadet es nur! Das Engagement Teresa Enkes hat mich damals und heute sehr berührt. Ich war selbst schon in Ansätzen krank, habe mich aber zu sehr davon distanziert und mich selbst belogen. Den Aufruf, meine Depressionen als Krankheit wahrzunehmen, anzunehmen und dagegen anzukämpfen habe ich erst viel später angenommen…

Eine Leben ohne Freude: Depressionen machen´s möglich

Ein Leben ohne Freude und Zufriedenheit ist kein erstrebenswertes Leben mehr. Die Frage nach Freude und Zufriedenheit stellte sich mir nicht. Ich war nie zufrieden und Freude konnte ich nicht mal mehr empfinden!

Was Glück ist, vermochte ich zu diesem Zeitpunkt nicht zu sagen. Ich freute mich nur mit anderen über deren Erfolge. Meine eigenen Erfolge – beispielsweise ein verdammt guter Masterabschluss – bedeuteten mir rein gar nichts. Hier wog die Enttäuschung über einen Abschluss von „nur“ 1,6 höher als die Freude über die gute Note. Ich fühlte mich als Versagerin und konnte meine Studienleistung (Studium als Mutter wohlgemerkt) nicht würdigen. Zu sehr schielte ich auf die Anerkennung durch andere – die ich jedoch auch nicht wirklich annehmen konnte. Die Katze beißt sich damit mal wieder in den Schwanz 😉 Doch nicht nur alleine die Depressionen sind schuld daran, denn mein eigener Blick auf Perfektion war schon immer sehr streng.

Das Ende einer Selbstlüge: Ich bin krank

Ich wollte mein Leben nicht mehr von den Depressionen bestimmen lasen und hörte auf mit der Selbstlüge!  Aber ohne harte Arbeit und die unterstützende Wirkung von Antidepressiva war dies nicht mehr möglich. Zu tief steckte ich schon drin… Wie sang Xavier Naidoo einst noch so hoffnungsvoll?

Es war nur ein kleiner Augenblick, einen Moment war ich nicht da. Danach ging ich einen kleinen Schritt und dann wurde es mir klar. „Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer. Nicht mit vielen wirst du dir einige sein, doch dieses Leben bietet so viel mehr…“

Wie ein Signal klang dieses Lied als ständiger Ohrwurm in mir: Ich trat mir selbst in den Allerwertesten und kämpfte!

Heute geht es mir wieder gut, Ich bin glücklich und freue mich am Leben. Arbeitssüchtig (oder so ähnlich) bin ich immer noch. Auch schaufele ich mich gern mit Aufgaben zu, um mich von der Stille abzulenken. Aber ich halte die Stille und das Nichtstun auch mal aus. Ich habe gelernt, dass Nichtstun gut für die Seele ist und dass die Seele auch mal baumeln möchte. Das ist gut so, schenkt mir Kraft und bewahrt mich vor neuen Selbstlügen. Mit Depressionen lebe ich noch immer, nur nenne ich sie „die dunklen Tage“. Damit gebe ich ihnen weniger Raum als früher und richte meinen Blick auf die Tage nach der Dunkelheit.

Aufklärung zum Thema Depressionen in der Öffentlichkeit

Es ist erst wenige Tage her, seitdem ich meinen Blog zum Schreiben meiner Erfahrungen und meiner Zeit im Griff der „schwarzen Klaue“ benutze, aber ich bin froh darüber. Es hat mich Mut und Überwindung gekostet, meine Gedanken in Worte zu fassen und sie öffentlich zu machen. Aber es hat sich gelohnt, diesen Schritt zu wagen.

Über meinen Kampf, meine Ups and Downs, über Erfolge und über die Bedeutung meiner Wegbegleiter werde ich im kommenden Monat schreiben, wenn ich im Rahmen einer Gemeinschaftsaktion meine „Reise ins Licht“ beschreibe.

Alle weiteren Beiträge, die meine Erfahrungen, Gedanken und Gefühle zum Thema Depressionen beinhalten, sind mittlerweile hier gesammelt einzusehen. Zusätzlich möchte ich allen Hilfesuchenden die Seite „Gib Depressionen ein Gesicht“ ans Herz legen. Der Fotograf Dirk Ludwig hat mit diesem Projekt ein Team zusammengestellt, dass sich die Aufklärung zum Thema Depressionen mit all seinen Facetten auf die Fahnen schreibt. ich bin sehr stolz, hierbei auch aktiv mitwirken zu können.

Gefällt dir der Beitrag? Dann freue ich mich übers Teilen 🙂

20 comments on “Ein Leben mit Depressionen”

  1. Danke Dir für Deine Worte (und auch die Mail).
    Leider kann ich so offen noch nicht mit meiner „Depression“ umgehen. In den meisten Fällen bzw Nachfragen bin ich aus vielen anderen Gründen krank. Ich schäme mich Es laut zu sagen….. ;-(

    • Ich hoffe, dass du irgendwann den Mut fassen wirst. Als ich meinen Freunden gegenüber mit offenen Karten gespielt habe, wurde vieles besser. Sie achten nun mehr auf mich und haben mich gut unterstützt – gerade das braucht man als kranker Mensch. Ich drück dich!

  2. Ich finde es super dass du darüber schreibst, auch ich versuche auf meinem blog all das durcheinander und den Kampf in Worte zu fassen. Ich freue mich wahnsinnig dass es dir so viel besser geht. Ich schicke dir viel Kraft weiterhin

    • Das wünsche ich dir auch. Bin ganz schnell auf deine Seite gehüpft und fühle gerade richtig mit dir… Es geht weiter – aber!!!! In die richtige Richtung. Ich habe dich im Auge und hoffe, irgendwann auch über deine glücklichen Momente lesen zu können. Alles Liebe!!

  3. Super geschrieben! Ich ringe seit Wochen mit mir, über meine Erfahrungen über (Wochenbett-) Depressionen zu schreiben, meine Depressionen. Es ist ein schwerer Schritt, in die Öffentlichkeit zu gehen, da es zu den „unsichtbaren“ Krankheiten gehört. Du bist auf dem richtigen Weg! Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft!

    VG Ivi

    • Liebe Ivi,
      das Gefühl kenne ich auch. Bei meiner ersten Tochter habe ich zwei Monate gebraucht, um sie annehmen zu können. Ist ein total blödes Gefühl, wenn niemand von außen die Gefühle in dir drinnen versteht und du dir ggf. auch noch selbst Druck machst (der Druck von außen ist meist ohnehin schon stark genug). Ich kann dich nur ermuntern, dich „frei“ zu schreiben. Beim Schreiben löst sich so einiges – du entscheidest dann selbst, ob du es veröffentlichst oder nur für dich schreibst. Damals habe ich eine Art Tagebuch geführt und rückblickend feststellen können, dass es auch immer schöne Tage gab, in denen meine Tochter mich erreicht hatte. Oftmals trübt die eigene Wahrnehmung, wenn selbst kleine Fortschritte nicht festgehalten oder gewürdigt werden. Ich wünsche dir alles Gute für deinen Weg! Irgendwann kommt der Zeitpunkt, zu dem deine Depressin auch weniger Macht über dich hat und du wie ein Phönix aus der Asche steigen kannst. Fühl dich gedrückt!

  4. Dein Beitrag ist sehr beeindruckend. Es sind genau meine Gedanken und es ist genau so und nicht anders. Ich habe auch lange gebraucht, mir selbst einzugestehen, dass ich wieder mal in einer tiefen Depression stecke. Und ja, ich differenziere und bin bei einigen Menschen krank und bei anderen eben depressiv. Ich bin dafür, das Thema wieder mehr in die Öffentlichkeit zu rücken. Liebe Grüße Kaddi

  5. Na dann lies mal meinen Artikel von gestern 🙂 „Das tut Depressiven gut“… Habe dir vorhin eine E-Mail geschrieben, vielleicht hast du sie ja schon entdeckt. Ich freue mich auf deine Beiträge in deinem Blog und bin schon jetzt ganz gespannt…

  6. Liebe Yvonne, ein wunderbarer Artikel. Ich wünschte, den hätte es schon gegeben, als es bei mir ganz akut schlimm war. Aus der eigenen Familie zu hören, dass man doch eigentlich keinen Grund hat, dass es einem schlecht geht, war nicht besonders hilfreich. „Muss ich mich jetzt etwa um alles alleine kümmern?“ hat mir besonders gut getan. 🙁
    Die Folge war, dass ich ganz alleine mit meiner Therapeutin einen Weg aus der Depression gefunden habe. Ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht.

    • Liebe Nina,
      Sie haben Post!!!
      Achse und das mit der eigenen Familie ist so was von blöd!!! Aber vielleicht auch ein Zeichen von Hilflosigkeit. Als ich damals die Karten auf den Tisch gepackt habe und völlig klar und ungeschönt von den Dingen berichtet habe, die mich in die Depression getrieben haben (und ein Teil liegt definitiv in der Kindheit), habe ich Menschen zu Tränen gerührt und sie gewissermaßen aufgerüttelt. Manchmal muss man einfach direkt sein und geliebten Menschen vor den Kopf stoßen, damit ein „reiß dich mal zusammen“ o.ä. nie ausgesprochen wird.

  7. Wow! Mich hat dieser Artikel sehr berührt!! Ich finde es toll, wenn jemand mit dem Thema an die Öffentlichkeit geht. Denn nur so verliert das Thema „Depression“ seinen Tabustatus. Oftmals sind die dummen Sprüche oder Floskeln einer gewissen Hilflosigkeit geschuldet. Die Menschen bzw. die Gesellschaft braucht Aufklärung und je offner man mit seiner Krankheit (das fand ich immer besonders schwer für mich zu aktzeptieren, dass ich tatsächlich krank bin und gewisse Dinge deshalb nicht kann. Bei einem Beinbruch o.ä. wäre es einfacher in meinen Kopf gegangen,..)

    Ihr könnt alle stolz auf Euch sein, denn ihr habt den ersten Schritt bereits getan. Wenn ihr Euch stark genug fühlt – klärt auf wo ihr könnt. Eine wirkliche Depression kann man (leider) nur dann wirklich verstehen, wenn man selbst betroffen ist. Wenn ihr mal lachen wollt, sucht mal Beiträge dazu bei einem bekannten Videoportal.

    Ich habe meine Depression für mich symbolisiert – für mich fühlt es sich aktuell wie eine Narbe an, die eben zu mir gehört und die ich mal mehr oder weniger spüre.

    • Sehr treffend formuliert liebe Stephanie!!! Narben sind gute Synonyme – nur leider nicht für jeden sichtbar. Symbolismus ist auch für die eigene Verarbeitung gut und wichtig.

  8. Ich habe mich grade zu 100% in deinem Beitrag wiedergefunden. Ich war vor einem Jahr so kreuzunglücklich und habe verzwifelt nach dem Schlüssel des Glücklich seins gesucht. Alle Ratschläge, Tipps und zweifelhaften Kommentare der Anderen brachten mich kein Stück weiter, sondern bestärkten mich nur darin, dass ich irgendwie nicht glücklich sein kann. Es war ein Kampf und ich habe viele verrückte Dinge (u.a. Hypnose, Ashrambesuch, Seelenlesung u.ä.) hierfür ausprobiert. Letztlich hat mein Blog mir auch ein Stück weit dabei geholfen, mein eigenes Glück auf eine eigene und sehr schöne weise zu betrachten und dies mittlerweile auch weitergeben zu können.
    Es gibt einen sehr schönen Spruch, den ich mir zum Ende letzten Jahres auf die Fahne geschrieben habe: „Oma sagt: du darfst weinen, schreien, du darfst auch kurz zweifel. Aber dann gehst du raus und kämpfst und holst dir, was du haben willst!“
    Das habe ich zwischenzeitlich getan und das war mein Weg zum glücklich sein. Hierfür gibt es keine Formel und kein Standart-Allheilmittel. Es ist ein Prozess, den jeder für sich selber finden und gehen muss.
    Schön, dass du dies so ehrlich aussprichst. Weiter so! Die Welt braucht mehr Ehrlichkeit, Offenheit und Mut – grade im Bezug auf dieses Thema.
    Lieben Gruß,
    Steffi

    • Liebe Steffi,
      da bin ich aber froh, dass dir mein Beitrag so gut gefällt. Bin ja auch schon lange Fan deiner Beiträge und verfolge deine monatlichen Themenblöcke sehr interessiert. Mit vielen Gedankenanstößen hast du mich ein stückweit geerdet. Deswegen freue ich mich umso mehr über deinen ausführlichen Kommentar!
      Ganz liebe Grüße,
      Yvonne

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