Ich habe ein Helfersyndrom. Ich will, dass es allen gut geht und helfe wo ich kann. Wenn es mir nahestehenden Menschen schlecht geht, kann ich nicht anders. Denn ihr Leid ist auch meins – irgendwie zumindest. Fließt irgendwo eine Träne, tränen meine Augen auch. Bin ich deswegen hochsensibel? Nein!

Ich bin einfach nur emotional. Zumindest dann, wenn ich meine Emotionen nicht unterdrücke. Denn das habe ich in so vielen Jahren gelernt. Ich war schon immer speziell, habe mich aber nie gefragt, wieso das so ist. Nun beobachte ich viel mehr und ziehe daraus Schlüsse. Was es bedeutet, hochsensibel oder speziell zu sein, kannst du heute erfahren. Ich lasse dich in einen Teil meines Alltags blicken und lasse per Zeitraffer die vergangenen Kinderjahre meiner Töchter vorüberziehen.

Reize verarbeiten – Hochleistung für das Gehirn, egal ob hochsensibel oder nicht!

Was für ein Tag! Wie ein Presslufthammer wummern tausend Geräusche in meinem Schädel und doch ist es nur der Alltag. Das Ticken der Uhr, das leise Summen des iMacs oder die spielenden Kinder vor der Haustür. Es ist nichts Außergewöhnliches und doch treibt es mich auf die Palme.

Ich bin nicht etwa pedantisch, mag keine spielenden Kinder oder fühle mich sonst irgendwie belästigt – nein! Ich nehme Geräusche einfach nur viel intensiver wahr als andere Menschen. Wenn man´s auf die Spitze treibt, höre ich sogar die Schnecke über die Straße kriechen…

Schlimm ist es übrigens auch, wenn ich in der Schule bin und unterrichte. Eine umfangreiche Geräuschkulisse mit 20 liebevollen kleinen Wesen. Häufig stehen sie häufig direkt vor mir und möchten all ihre Bedürfnisse auf einmal gestillt haben. Ich bräuchte zehn Ohren und Arme, wenn das klappen soll! Aber irgendwie bekomme ich meistens schon alles geregelt.

Wenn dann das Fenster vom Klassenzimmer geöffnet ist und auch noch PKW – oder schlimmer noch ein Mülllaster oder LKW – an der Schule vorbeifährt… Dann wird es schon schwieriger. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was mich das an Anstrengung kostet, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nach vier Unterrichtsstunden fühle ich mich so erschöpft wie nach einer körperlich anstrengenden Tätigkeit. Mein Gehirn lief in dieser Zeit nämlich auf Hochtouren. Es hat so viele Informationen von außen aufgenommen und ganz anders verarbeitet als bei Menschen, die nicht so empfindlich sind.

Geschildert habe ich aber nur hörbare Informationen. Was ganz nebenbei noch auf mich einprasselte, war ja noch viel mehr! Farben, Muster, Gerüche, Stimmungen der Schüler sowie ganz viele Fragen, die sich auf den Unterrichtsinhalt beziehen.

Einfach abschalten – gar nicht so einfach…

Schon verständlich, dass das Gehirn dann eine Pause benötigt und den Körper auf „Standby-Modus“ programmiert. In solchen Fällen benötige ich dann eine reizarme Umgebung mit wenig Input von außen. Aber das ist ja nun auch nicht immer möglich. Mit den Jahren habe ich gelernt, mit meinen Eigenarten, Besonderheiten oder eben Empfindlichkeiten auszukommen – verbrüdert haben wir uns schon irgendwie, nicht aber ohne tägliches Gezerre an den Nerven.

Und wie ist das mit den Kindern, hochsensibel oder nicht?

Was mir nach all den Jahren mehr oder weniger gut gelingt, ist für meine Mädels noch wie ein Balanceakt auf dem Drahtseil. Wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, habe ich da schon recht viel beobachten können. Erst nach und nach ergab es für mich einen Sinn, der in keinem Erziehungsratgeber zu finden ist. Im Zeitraffer fahren wir mal mit dem ICE durch alle Tunnel der Entwicklungsschübe, steigen nicht für eine kurze Rast aus und lehnen uns auch nicht aus dem Fenster!

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Als Baby waren beide Mädels sehr aktiv. Ihr Bedürfnis nach Nähe, ihre Ängste und auch ihre schreckhaften Schlafphasen waren Reaktionen auf all das, was an Eindrücken zu verarbeiten war. Natürlich achtet man dabei auf reizarme Umgebungen, aber mit dem Wissen von jetzt hätte ich noch vieles weitere verändert. Die Kleine reagierte quasi auf alles: Geräusche, Gerüche, Licht, Berührungen… Aber vor allen Dingen reagierte sie auf Emotionen der sie umgebenden Menschen – und da gab es wahrlich viel zu verdauen… Bei der Großen war es ähnlich, nur nicht ganz so extrem.

Sobald Sprache und andere Ausdrucksmöglichkeiten hinzu kamen, konnte ich besser reagieren. Aber je weiter der kindliche Verstand fortgeschritten war, desto mehr Reize mussten verarbeitet werden. Hinzu kamen Emotionen, die teilweise solche Spitzen erreichten, dass nichts mehr ging.

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Etwas, das nicht klappte, wurde zum Drama: Frisur sitzt nicht, ein gemaltes Bild entspricht nicht der eigenen Vorstellung oder aber die Socken können nicht so angezogen werden, dass die Naht nicht stört. Ich könnte noch unendlich weitere Beispiele aufführen, aber vielleicht habt ihr euch auch schon so ein Bild machen können…

Gerade im Kleinkindalter, wenn man eigentlich alles selbst machen möchte und das eigene Scheitern zum Lernprozess dazugehört, wurde es daher recht laut in der Hütte. Brüllattacken, geknallte Türen, in die Ecke geworfenes Spielzeug oder aber eine recht exzessiv genutzte „Wuttrommel“… Die Kinder nutzten alles, um ihre Emotionen abzureagieren. Nicht selten folgte dann eine starke Erschöpfung, die mit einem kurzen Nickerchen quittiert wurde.

Empathie – das zweischneidige Schwert

Vielleicht könnte das auch normal sein und ich müsste jetzt nicht an eine Besonderheit denken, doch immer weitere Faktoren kamen hinzu. Am deutlichsten wurde mir das bei beiden Kindern durch ihre Empathiefähigkeit. Auf unterschiedliche Art und Weise reagieren sie auf ihr Umfeld und übertragen fremde Empfindungen auf sich selbst. Sie spüren, wenn etwas nicht stimmt und bemerken meist vor einem nach außen sichtbaren Verhalten, dass etwas anrollt. Nicht selten gehen sie dann auf traurige Kinder zu, bevor die ersten Tränen rollen. Sie leiden dann mit und lassen sich von Wut leicht anstecken, weil sie dann so tief in die Gefühle eintauchen, dass sie eigene Erlebnisse damit verbinden und eher selten wieder aus diesem Gefühl allein rausfinden.

Beim Thema Gerechtigkeit sind sie daher ganz stark vertreten, denn Ungerechtigkeit passt nicht in ihre Welt. Die Große setzt sich ständig für andere einsetzt und hat ein wahnsinnig gutes Gespür für angemessenes Sozial- und Problemlöseverhalten. Die Kleine hingegen reagiert eher impulsiv nach dem Motto „Zahn um Zahn“ und zwar nicht nur, wenn sie selbst betroffen ist…

Fantasie, Kreativität und Merkfähigkeit – besonders ausgeprägt bei hochsensiblen Menschen

Auch wenn manche Eigenarten vielleicht anstrengend sind und manch einer es als Belastung empfindet, gibt es natürlich auch besondere Seiten dieser Medaille. So sind nämlich beide Kinder unglaublich kreativ und können sich jede auf ihre eigene Weise mit Dingen beschäftigen, die einer erstaunlichen Fantasie entspringen. Wenn sie so ganz bei sich sind, können sie alles andere um sich herum vergessen. Dann und nur dann sind sie in der Lage, andere Reize auszublenden.

Außerdem verfügen beide über eine erstaunliche Merkfähigkeit. Die Kleine erstaunte mich erst kürzlich beim Sortieren von Sammelaufklebern. In einem riesigen Haufen wusste sie sofort, welches Bild ihr fehlte und das noch bevor ich die Nummern kontrolliert hatte! Die – Große hingegen marschiert mit einer Leichtigkeit durch die Schule: Gedichte, Lieder, Noten – fast alles merkt sie sich beim ersten Mal.

Durch diese und noch einige andere Beobachtungen, einigen Anregungen durch Bekannte sowie im Rückschluss auf meine eigenen Besonderheiten habe ich mich ins Thema Hochsensibilität eingelesen. Nun ist ein Test nicht wirklich aussagekräftig – diagnostizieren kann man es faktisch nicht -, aber er bringt Licht ins Dunkel.

Hochsensibel, Eliane Reichart, Hochsensibilität TestEinen umfangreichen Selbsttest habe ich übrigens im Buch „Hochsensibel“ von Eliane Reinhardt gefunden. Das Buch hat mir nicht nur durch den Test geholfen. Die Autorin erklärt durch verschiedenen Blickwinkel was es bedeutet, hochsensibel zu sein. Viele Punkte, die hier aufgegriffen werden, habe ich genau so oder in ähnlicher Form erlebt. Der Wiedererkennungswert beim Lesen der beschriebenen Aussagen hochsensibler Menschen war erstaunlich. Auch in Bezug auf meine Vergangenheit als depressiv Erkrankte habe ich hier psychologische Spuren finden können. Im Endeffekt erklärt sich Vieles, auch wenn man nicht alles sofort versteht! Wichtig ist nur, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Übrigens hat Elena vom Mamiblog „Landglück“ das Buch ausführlich rezensiert – schaut doch mal rein, wenn ihr mehr wissen möchtet.

Am Ende hatte ich durch den Test und die Infos aus dem Buch eine Erklärung für das, was ich bei den Mädels teilweise sehr ausgeprägt beobachtete und bei mir selbst im Nachhinein anteilig feststellen konnte.

Bist du hochsensibel oder nicht? Finde es heraus!

Weitere Erfahrungen und persönliche Anekdoten habe ich übrigens in älteren Blogbeiträgen hier zusammengestellt.

Gefällt dir der Beitrag? Dann freue ich mich übers Teilen 🙂

11 comments on “Hochsensibel oder speziell – Erfahrungen im Alltag”

  1. Ich habe vor ein paar Tagen eine Studie gelesen, die besagt, daß es eine Frage der Intelligenz ist, ob man „Hintergrundgeräusche“ wie z.B. Kauen, Schlucken, Schnarchen, Autos u.ä. als störend wahrnimmt. Intelligente Menschen können (zu) viele Geräusche zur selben Zeit wahrnehmen und verarbeiten, das überreizt. Man nimmt auch an, daß das für andere Sinnesreize auch gilt.
    Fiel mir nur gerade ein, das könnte wenigstens eine gute Nachricht sein 😀
    Ich weiß nämlich aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie störend all das sein kann, wenn man nix ausblenden kann. Ich bin hier auch die Mimose.

    glg, Melanie

    • Es gibt so viele Erklärungsansätze für diese Phänomene, da hast du recht. Danke für den Hinweis auf die Studie, klingt sehr interessant!
      Liebe Grüße von Mimose zu Mimose 🙂

  2. Das ist ja interessant. Mir geht es in vielen Situationen sehr ähnlich wie dir. Mir fallen ständig DInge auf, die sonst kein Mensch beachtet und laute Geräusche packe ich überhaupt nicht. Ich habe lange in einer Kinderkrippe gearbeitet und auch wenn ich den Job geliebt habe, habe ich mich am Tag immer wieder kurz zurück gezogen, um mal kurz etwas Stille zu atmen. Ich war da schon als Kind sehr empfindlich. Mir wurde jetzt schon ein paar mal eine leichte Form von Autismus unterstellt, aber ich glaube das ist es einfach nicht. Vielleicht schaue ich mir, dass Buch mal an.

    Liebe Grüße,
    Franzi

    • Hallo Franzi,
      ich freue mich, wenn es dich anspricht. Mir ging es vor mehr als einem Jahr auch so. Denn auch ich habe den AHA-Effekt gehabt.
      Vielleicht bringen dich auch meine anderen Beiträge zum Thema Hochsensibilität auf eine Spur, die es sich zu verfolgen lohnt.
      Lass mich wissen, was du von dem Buch hältst. Es ist ja nur EIN Beispiel für Bücher dieses Themas, aber auf alle Fälle ein gutes Einsteigerbuch für das Thema.
      Liebe Grüße,
      Yvonne

  3. Ein wirklich interessanter Beitrag der definitiv zum nachdenken anregt. Das Helfersyndrom ist bei mir extrem ausgeprägt….lässt aber zum Glück so langsam nach. Habe einfach gelernt die Stille wert zuschätzen und auch mal wegzugucken

    Alles Liebe,
    Janine

  4. Ich habe mich auch schon viel damit auseinander gesetzt und auf meinem Blog dazu geschrieben, denn ich erkenne mich auch in vielen Situationen wieder, in der vieles auf mich einströmt und ich einen Overflow habe. Ich habe da ein Problem wenn ich unter zu vielen Menschen bin (Gottesdienst z.B.) Und da fällt es mir im Kirchkaffee dann schwer mit einem zu reden, denn ich bin ganz schnell abgelenkt. Tja, keine Ahnung. Ich finde auch den Spagat schwer zwischen „Wahrnehmen“ der Situation oder „Überbewerten“ Ich weiß nicht wie es bei dir ist, aber ich muss echt immer noch lernen, meine Bedürfnisse zu erkennen und noch schlimmer, sie zu äußern. Denn immer wieder denke ich das alles und alle anderen wichtiger sein. Auch falsch. Wenn du magst, dann schau gerne mal auf meinen Blog nach unter „Buchempfehlungen“ . Der Düsenjäger im limbischen System. Lieben Gruß und gute Nacht, Sandra

  5. Was Du geschrieben hast finde ich sehr interessant. Das mit dem Helfersyndrom kommt mit bekannt vor und sehr emotional bin ich auch. Ich merke aber auch das mich Geräusche, die meine Familie nicht stören, sehr leicht nerven. Mit meinem jüngsten Sohn ist meine Geräuschempfindlichkeit oft schwer zu vereinbaren. Er hat ADHS und ist den ganzen Tag nur am Geräusche produzieren was mir manchmal den letzten Nerv raubt. Ich brauche oftmals einfach nur Ruhe, dann geht mir selbst das ständige Telfonklingeln auf den Keks. Wie gut es mir dann tut alleine mit meinem Hund spazieren zu gehen.

    Liebe Grüße
    Freya
    http://www.dieplaudertasche.com

  6. Hi, ich wusste gar nicht das es so ein Buch gibt. Auf jeden Fall ist das etwas für mich. Dieses Thema ist genaugenommen alltäglich, nur fällt das umgehen damit in manchen Situationen schwer. Ich werde mich mal nach dem Buch umschauen.

  7. Das Buch klingt sehr interessant und es ist schön, dass es dir weitergeholfen hat, mehr Licht ins Dunkel zu bringen! Ich bewundere dich, wie du die Geräuschkulisse in der Schule „erträgst“! Das stelle ich mir wirklich sehr schwierig und auspowernd vor!

    Liebe Grüße
    Jana

  8. Hi Yvonne!
    Mir fällt zu dem Thema eigentlich nur ein Satz ein, den ich im laufe meiner Jahre im Bezug auf „Hochsensibel“ immer wieder von mir gebe.
    Segen und Fluch zugleich!
    Ich seh es als eine besondere Gabe seine Sinne mehr nutzen zu können als vl jemand anderer. Aber genauso würd ich es mir manchmal wünschen NICHT so viel von all dem mitzubekommen was andere gar nicht mal merken oder spüren, sehen wahrnehmen. MIR kostet es (nicht immer), oft sehr viel Substanz …
    Übrigens – das Buch kann ich nur empfehlen!
    Glg Sandra

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