„Ich habe eine depressive Mutter!“ – So könnte ein Satz meiner heranwachsenden Tochter bald lauten, wenn sie begreift, was es mit dem schwarzen Hund tatsächlich auf sich hat. Bislang hat sie von dieser Krankheit ein Bild, das ich ihr auf eine kindgerechte Art vermittelt habe. Sie ist ein tolles und einfühlsames Mädchen, dem selbst kleine Veränderungen nicht entgehen.

Mein heutiger Beitrag versucht, ihre Sicht auf die Krankheit in Worte zu fassen und gleichzeitig zu erklären, wie ich mich selbst als depressive Mutter sehe.

© Heart Mirror Photography

Meine depressive Mutter

Meine Mutter sagt, sie sei depressiv. Es gibt da auch so ein Fremdwort: rezidivierend depressiv, das heißt wiederkehrend. Was das mit der Depression so genau bedeutet, hat sie mir zwar erklärt, aber so genau hab ich das noch nicht begriffen. Für mich bedeutet es, dass sie immer mal wieder etwas „anders“ wird. Mal ist sie in Gedanken und sitzt mit der Kaffeetasse am Küchentisch einfach nur rum. Manchmal ist sie auch total gereizt. Lass da mal eine Stecknadel fallen! Das kann sie ruckzuck auf die Palme bringen. Komisch, dass sie dann so spitze Ohren hat, obwohl sie manchmal gar nicht hört, wenn meine Schwester und ich sie rufen oder etwas fragen…

Ein anderes Mal ist sie die ganze Zeit beschäftigt und macht nichts so richtig zu Ende. Sie läuft von einem Raum zum anderen und vergisst, was sie eigentlich wollte. Erst gestern hab ich sie daran erinnert, dass sie ja Abwaschwasser im Spülbecken hatte. Sie wollte die Töpfe spülen und ich sollte abtrocknen. Aber dann steht sie im Wohnzimmer am Esstisch und legt Wäsche zusammen! So als hätte sie das Abwaschwasser und mich vergessen. Das ist wirklich merkwürdig, denn eigentlich ist Mama ganz anders und von mir möchte sie ja auch, dass ich zuerst aufräume, bevor sie mal ne Runde Monopoly mit mir spielt. Erst eins nach dem anderen, sagt sie immer.

Das, was Mama mir als depressive Phase erklärt hat, ist wirklich seltsam. Eigentlich weiß ich nie so richtig, woran ich bin. Naja, nach ein paar Tagen hab ich den Dreh raus, aber dann ist sie wieder anders. Also wieder etwas normaler. Dann ist sie nicht mehr erschöpft und liegt mit nem Buch auf dem Sofa – nein, dann tobt sie mit mir und meiner Schwester oder wir tanzen durch das Wohnzimmer. Am schönsten ist es dann, wenn sie uns Schnittchenabendbrot macht und wir dann alle abends was bei Netflix sehen. Wir alle auf dem Sofa, das ist schön!

Die Zeit mit der Fassade

Früher war das anders. Da hat sie immer mit mir gespielt, gesungen, gebastelt oder wir sind alle auf den Spielplatz gegangen. Aber so richtig fröhlich war sie dabei auch nicht. Ich hab sie mal gefragt, was los ist. „Nichts“ war ihre Antwort. In dieser Zeit kam das „Nichts“ ziemlich häufig vor, sehr verdächtig! Tja und dann weinte sie einfach nur wegen dem „Nichts“. Es war eine doofe Zeit, das möchte ich nie wieder erleben! Ich hasse dieses „Nichts“, denn das hat mir meine Mama weggenommen.

Meine Mama war damals nicht echt, das weiß ich mittlerweile. Denn das sagt sie ja schließlich immer, wenn ich mit dieser „früher hast du das und das“-Leier bei ihr ankomme. Dann antwortet sie: „Ich habe jetzt keine Lust, mit dir zu spielen. Oder willst du, dass ich mit einem langen Gesicht spiele und nur dir zuliebe so tue, als wenn es mir Spaß macht?“

Ja zugegeben, diese Antwort hat mich verwirrt. Sowas hat sie noch nie gesagt. Aber dann sagt sie noch: „Wenn ich mit dir spielen möchte, komme ich zu dir. Du musst dich einfach gedulden.“ Und wenn sie dann wirklich an meine Zimmertür klopft und sich Zeit nimmt, dann ist das auch echt und das ist mir wirklich lieber – so im Nachhinein betrachtet!

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© Heart Mirror Photography

Sei authentisch und ehrlich

Diesen Text hat natürlich nicht meine Tochter geschrieben, dafür ist sie mit knapp 10 Jahren wirklich noch etwas jung. Aber es schildert das, was ich seit meinem Zusammenbruch mit meinen Kindern als depressive Mutter so erlebe. Ich habe gelernt, mich abzugrenzen. Das klappt nicht immer gut, aber ich arbeite daran. Ich habe aufgehört, ihnen etwas vorzumachen und bin meistens authentisch und ehrlich. Wenn ich schlechte Phasen habe oder schlichtweg nicht in der Stimmung für gemeinsame Aktionen bin, spiele oder bastele ich nicht mit. Sie können auch allein kreativ sein! Sich für seine Kinder zu verstellen, macht keinen Sinn. dadurch wird die ganze Krankheit mit ihren teils unverständlichen Facetten nur noch komplizierter.

Aber das hat lange gebraucht, denn ich hatte es immer als meine Pflicht angesehen, den Nachmittag mit ihnen besonders schön zu verbringen. Doch das ist nicht nur künstlich und somit eine Fassade irregeleiteten Glücks, sondern strengt mich tierisch an und führt dann wiederum zu einer zwanghaften Spirale, die niemand von uns will.

Du möchtest noch mehr über mein Leben mit Depressionen wissen? Hier bekommst du weitere persönlich Einblicke in meine schattige Welt.

Auch meine anderen Beiträge zum Thema sind lesenswert und informativ – gerade auch für Angehörige. Schau doch mal ins Archiv und stöbere in Ruhe. Und wenn du mir auch noch ein paar nette Zeilen hinterlässt, freue ich mich sehr!

Danke

Ein herzliches Dankeschön geht an dieser Stelle an Nadine Wagner, die mir im Rahmen des Projekts „Gib Depressionen ein Gesicht“ die aussagekräftigen Fotos (© Heart Mirror Photography) zur Verfügung gestellt hat.

Gefällt dir der Beitrag? Dann freue ich mich übers Teilen 🙂

25 comments on “Ich habe eine depressive Mutter”

  1. Bei dem, was du schreibst stehen mir gerade die Tränen in den Augen. Ich kann es ebenfalls nachvollziehen, da ich mich darin leider auch wiedererkenne …

    Liebe Grüße

    Christine

    • Das berührt mich sehr. Ich hoffe, dass ich dir Mut zusprechen kann. In vielen meiner Beiträge auf dieser Seite habe ich schon über schlechte Tage geschrieben, aber auch, wie ich da wieder raus gekommen bin. Vielleicht findest du dort auch etwas Zuspruch und Mut für deine eigene Situation.
      Ich drücke dich aus der Ferne und sende dir ganz viel Kraft!
      Liebe Grüße,
      Yvonne

      • Liebe Yvonne,

        lieben Dank! Ich habe schon öfter in deinen Beiträgen gelesen, weil ich es gut finde, dass du damit so offen umgehst. Ich verdränge ganz gerne … aber mal sehen, wann dann der große Knall kommt.

        LG Christine

  2. Du beschreibst grad mich und ich bin so froh dss das es jemand versteht wie es mir geht . Ich habe meinen kids noch nicht wirklich was von meiner Krankheit erzählt und nach diesem Text denke ich sollte vielleicht damit anfangen . Sie merken ja das es mir schlwchr geht und ich anderes bin . Am schlimmsten ist für mich das schlechte Gewissen das ich was nicht kann . Gestern ging es mir noch gut und heute hab ich es nicht geschafft arbeiten zu gehen oder ich werde es auch nicht schaffen mit meinem kids was zu planen . Das zieht mich immer weiter runter da ich nicht bei der Arbeit dauernd krank sein will oder meine Kinder immer enttäuscht will:-( Danke für diesen offenenArtikel Lg

    • Liebe Martina,
      ich hoffe, dass du den Mut findest, dich deinen Kindern anzuvertrauen. Es ist schwierig, den ersten Schritt zu gehen. Du schaffst damit aber auch ein ganz besonderes Band des Vertrauens, das die Beziehung zu deinen Kindern nur stärken kann.
      Bestimmt gefällt dir auch mein zweiter Artikel, der sich mit dem Thema „Mit Kindern über Depressionen reden“ befassen wird. In der nächsten Woche wollte ich den posten.
      Viele Grüße und ganz viel Kraft,
      Yvonne

  3. És gehört viel Mut dazu, so etwas „fremden“ Menschen zu erzählen.
    Ich finde, du hast die richtigen Worte gefunden und die Bilder sind unglaublich. Freu mich dass du diese nutzen dürftest 😉

    Alles liebe

  4. Du bist sehr Mutig, uns davon zu erzählen. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, diese Krankheit zu haben. Aber was man so liest, finde ich sehr erschreckend. Deine Geschichte/ Dein Text finde ich sehr Emotional geschrieben.

    Liebe Grüße
    sousvidetest.de

    • Ich danke dir sehr für deine Worte. Es freut mich, wenn ich jemanden berühre und damit auch ein wenig aufklären kann. Ermutigende Kommentare zeigen mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
      Viele Grüße,
      Yvonne

  5. Hallo Yvonne,
    das ist wirklich ein bewegender Beitrag. Vielen Dank dafür. Ich finde es gut, dass immer mehr Menschen über ihre Depressionen berichten. Nur so wird das Tabu über psyhische Erkrankungen zu sprechen verschwinden und immer mehr Menschen kann geholfen werden. Viele trauen sich nicht darüber zu sprechen!

    Und es ist auch für gesunde Eltern das einzig richtige authentisch zu sein und sich nicht zu überfordern in dem Gedanken, man müsse die Kinder bespaßen! Ich sage oft (wenn es so ist): „Ich habe jetzt gerade keine Ruhe, um dir etwas vorzulesen. Ich will noch … (in der Küche aufräumen, z.B.)“

    Viele liebe Grüße,
    Sonja

    • ich danke dir sehr für deine Zeilen! Ud es freut mich wirklich sehr, dass sich auch gesund Mütter mal von ihren Kindern abseilen, um den richtigen Moment zum Vorlesen abzuwarten. Das macht Mut!
      Liebe Grüße,
      Yvonne

  6. Hallöchen Yvonne,
    wow, das war ein wirklich guter Beitrag. Mancheiner mag ihn als krass empfinden, aber das ist er nicht – er ist ehrlich!
    Vielen Betroffenen, darunter auch mir, fällt es echt schwer diesen ungreifbare „nichts“ in Worte zu fassen, und es ist unglaublich bewegend, wie du das hier geschafft hast.
    stay strong, but stay real – beste Grüße , Lenniac

  7. Meine Liebe, schon allein wenn es dir bewusst ist und du dich bemühst, macht es dich zu einer richtig guten Mutter und dein Kind kann sehr froh mit dir sein. Ich weiß was es heißt eine psychisch kranke Mutter zu haben, die sich keiner Schuld bewusst ist und die ihre Kinder in ihr Elend ziehen will. Damit kannst du dich nicht vergleichen. Ich bin wirklich stolz auf dich, dass du so offen damit umgehst.

    • Ich danke dir für deine Worte. Mich verbiegen und eine Fassade aufrecht zu erhalten war jahrelang mein tägliches Mantra – nun arbeite ich daran, diese alten Muster abzubauen. Nicht immer gelingt es, dafür aber immer öfter 🙂
      Liebe Grüße,
      Yvonne

  8. Ich muss vor dir den Hut ziehen, weil ich dich bewundere, wie offen du mit diesem Thema umgehst. Ich bin mir sicher das du damit sehr vielen Müttern Mut und Kraft geben kannst, und sie auch wissen, das sie nicht alleine sind.
    Mach weiter so. Herzliche Grüße

  9. Hallo,
    ein sehr bewegender Text. Und es ist sehr mutig, dass du so offen darüber schreibst! Ich selbst bin (glücklicherweise) nicht von dieser Krankheit betroffen. Aber eine enge Freundin. Dein Text hilft dabei, das Ganze (zumindest etwas) zu verstehen. Was als Außenstehender manchmal auch nicht einfach ist. Ich werde auf jeden Fall noch auf deiner Seite stöbern und mir die anderen Texte ansehen.
    Liebe Grüße, Lisa

  10. Ich kann das gut verstehen, aus deiner sicht aber auch aus der Sicht deines Kindes. Für beide Seiten ist das nicht leicht. Keine Seite hat es einfacher als die andere, für kinder ist das nur nicht zu verstehen bis sie irgendwann alt genug sind.

    Sich nicht hinter was verstecken, leicht gesagt und kaum umzusetzen. Leider wenn man Depressionen hat.

  11. Hallo,

    ich habe jetzt erst durch Zufall deinen Beitrag gelesen. Als ich las, dass du aus der Sicht deiner Tochter schreibst, dachte ich: Das ist mein Part!
    Ich bin die Tochter einer Mutter, welche seit meiner Kindheit unter anderem an Depressionen leidet. Und mich treibt schon seit längerem die Frage um, ob ich darüber schreiben möchte oder nicht. Das Herz sagt JA, der Kopf noch NEIN. Denn darüber öffentlich zu schreiben, bedeutet, meine Familie könnte es lesen und eventuell verletzt sein. Keine einfache Entscheidung…

    LG

    • Liebe Anja,
      danke für deinen Kommentar.
      Vielleicht schreibst du einfach erstmal so für dich. Schau, wie es sich anfühlt und was es mit dir macht. Wenn du es veröffentlichen möchtest und Angst vor Reaktionen deiner Familie hast, kannst du deinen Text auch gern bei mir als Gastbeitrag (anonymisiert) veröffentlichen. Dann ist deine Angst vielleicht unbegründet.
      Ich finde es gut, wenn mehr Menschen ihre Erfahrungen beschreiben, damit sich wiederum andere Wiedererkennung können. So wie du in meinem Beitrag. Ich kann dich nur in jeglicher Weise ermutigen und unterstützen und würde mich sehr freuen, ein Stein des Anstoßes zu sein.
      Herzlichst,
      Yvonne

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