Im vergangenen Frühjahr habe ich eine Einzelförderung mit einer geflohenen Schülerin begonnen. Ihre Integration war mir ein persönliches Anliegen, denn aufgrund sehr hoher Personalprobleme sind an unserer Schule sämtliche Sprachfördermaßnahmen gestrichen worden. In meiner freien Zeit nach meinen Regelstunden habe ich mich mit ihr zusammengesetzt und schrittweise Deutsch gelernt.

Damals suchte ich dafür auch nach zweisprachigen Materialien in Deutsch und Arabisch. Über die Hilfe von Béa Beste und ihrer Seite Tollabea haben sich dafür Unterstützer gefunden, für die ich sehr dankbar bin. Seit Juni 2016 schreibe ich über meine Integrationspraxis auch für den Grundschulschnüffler.

Nun möchte ich dir auch hier einen kleinen Einblick in meine Arbeit geben.

Anlass dafür ist ein Video, das ich heute Morgen entdeckte. Ein Kommentar, der ausspricht, wie es um das Bildungssystem und die Bürokratie hierzulande steht.

Lehrer sind Vorbilder! 

Wir überlegen uns sehr genau, wie wir Wissen vermitteln und welche Aspekte wir implizit durch unser Verhalten „lehren“. Wie wir einen Streit schlichten, wie wir maßregeln, wie wir loben und ermuntern – all das nehmen die Kinder bestenfalls in ihr eigenes Verhaltensrepertoire auf.

Wenn ein fremdsprachiges Kind in die Klasse aufgenommen wird, können wir auch hier deutliche Maßstäbe setzen: Heißen wir das Kind willkommen, laden es gestisch in unsere Mitte ein oder haben wir sogar schon feste Rituale zur Integration von neuen (fremdsprachigen) Kindern eingeführt? Was immer wir tun, ebnet den Weg für das weitere Geschehen innerhalb des Klassenverbandes.

Lindt Hello Smiley

Wertschätzung fremder Sprachen

Wenn du als Lehrkraft oder anderweitige pädagogische Fachkraft in Erziehungs- Bildungs- oder anderen Instituten tätig bist, hast du sicherlich schon einen Weg gefunden, dich diesem nicht täglichem Willkommensritual zu zu stellen. Aber geht es dir auch so, dass du einer Sprache gegenüber gehemmt bist, mit der du selten in Berührung kommst? An Türkisch, Polnisch und Russisch habe ich mich schon gewöhnt und mir sogar ein kleines sprachliches Willkommensvokabular angeeignet. Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch sind für mich auch nicht problematisch. Aber andere Sprachen ??? Wie in der Fachliteratur zu lesen ist, bin ich damit nicht allein. Bestimmte Sprachen haben einen höheren Prestigewert als andere.

Fremde Sprachen im Unterricht

Als meine Schülerin in die Klasse kam, wurde ich mit Arabisch – eine Sprache, der laut Statistik eine eher geringwertige Wertschätzung bescheinigt wird – konfrontiert. An höheren Schulen vielleicht keine Seltenheit, an unserer Schule schon. Doch um ihr auch den entsprechenden Respekt entgegenzubringen, beschäftigte ich mich auch mit dieser Sprache im Rahmen meiner Möglichkeiten – denn die kehlige Sprache fällt mir wahrlich nicht leicht. Doch dadurch, dass ich mir einen groben sprachlichen Überblick verschafft habe, kam ich gleichwohl meiner Vorbildfunktion nach. Eine fremde Sprache wertzuschätzen und sie in kleinen Auszügen auch im Unterricht zu integrieren, kann nicht nur den eigenen Horizont erweitern. Auch zum tieferen Verständnis der eigenen Sprache kann eine entdeckende Untersuchung in Abgrenzung zu einer anderen Muttersprache recht vielversprechend sein. Auch als Türöffner, um in Kontakt mit dem anderssprachigen Kind zu kommen, weckt eine Unterrichtsstunde zum Erforschen verschiedener Sprachen wahre Wunder.

Was ist gleich, was ist anders?

Wenn ich die Sprache meiner Schülerin betrachte und sie mit dem Deutschen vergleiche, ist auf den ersten Blick bestimmt alles anders. Eine Schnittmenge zwischen Arabisch und Deutsch zu finden, ist anfangs nicht leicht. Immerhin gibt es im Arabischen ein anderes Schriftsystem und auch die Schreibrichtung ist anders. Aber genau hier setzt das entdeckende Lernen an! Denn obwohl im Schriftbild keine Schnittmenge zu finden ist, sind bei den Lauten umso mehr Gemeinsamkeiten. Plötzlich hören die Kinder Bekanntes in einer fremden Sprache und stellen fest, dass sich Laute aus dem Arabischen und dem Deutschen sogar gleichen. Einen tollen AHA-Effekt gibt es übrigens bei Kinderliedern und Reimen, die in manchen Sprachen existieren.

„Das hört sich lustig an!“ oder „Klingt ganz anders, aber die Melodie ist ja gleich und irgendwie hört es sich auch schön an.“

Ein verbindendes Element, das Nähe schafft – Nähe und Verständnis für beide Seiten! Das, was Ayla in ihrer Herkunftssprache kann, findet auch in der für sie noch fremden Schule Anklang. Hier muss ich als Lehrkraft natürlich entsprechende Steigbügel stellen und Unterrichtssituationen entwickeln, die ein solches Einbinden fremdsprachlicher Kompetenzen ermöglichen. Ohne Vorbereitung geht das natürlich nicht. Daher habe ich viele Ideen aus dem DaZ-Bereich für meine Klasse passend gemacht. Im Grammatikunterricht untersuchen wir dann Satzglieder im Deutschen und achten dabei auf die Verbstellung, denn hier gibt es zahlreiche Varianten. Im Arabischen ist das seltener der Fall. Denn typischerweise steht dort das Verb an erster Stelle.

Doch wie so oft im Leben, verhallt das erste Zugehörigkeitsgefühl schon nach dem Unterricht. Denn dann gehen die Schüler ihre gewohnten Wege und Ayla ist allein.

Integration hat immer auch einen sozialen Aspekt

Nun ist seit dem Frühjahr schon eine Menge Zeit vergangen und ganz so allein ist sie nun auch nicht mehr – mittlerweile sind weitere (jüngere) Flüchtlingskinder in unsere Schule gekommen und durch neue Lehrkräfte findet auch wieder Sprachförderung statt. In dieser Kleingruppe fühlt sie sich wohler und wirkt ausgelassener. Trotzdem soll sie auch in ihrer Altersklasse Fuß fassen. Aber dieser Weg ist länger als ich dachte. Man kann ja niemanden zwingen, sich mit ihr zu beschäftigen. Vor allen Dingen dann nicht, wenn sie sich ebenfalls zurückzieht. Doch beim gemeinsamen Singen und darstellerischen Aktionen für unsere Foren in der Schule, ist sie stets engagiert dabei. Hier knüpfe ich an und werde mal schauen, was sich im nächsten Jahr in Punkto sozialer Integration noch so anschieben lässt.

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16 comments on “Integration von Flüchtlingskindern – Wertschätzung”

    • Hallo Alicja Wiktoria,

      vielen Dank für deine netten Zeilen!
      Für den Grundschulschnüffler soll ich das auch schreiben 🙂 – wird dann im November sein, als Abschluss meiner Serie zur Integration von Flüchtlingskindern. Aber sicherlich wird das Thema auch hier im Blog noch Beachtung finden, wollte erstmal testen, wie das bei meinen Lesern ankommt…
      Liebe Grüße,
      Yvonne

  1. Das Arabisch und Deutsch die gleichen/ ähnliche Laute haben finde ich total faszinierend! Das wusste ich vorher wirklich nicht, dankeschön für diese Erkenntnis 🙂
    Integration ist sehr wichtig und ich finde auch, dass unsere Politik damit ziemlich versagt. Gäbe es keine tollen Menschen wie dich, die sich soo viel Mühe geben, gäbe es in diesem Land gar keine Integration. Die Flüchtlinge werden in Kontainerparks verfachtet, umzäunt und gefühlt komplett von der Außenwelt abgeschnitten.
    In meinen ersten Monaten in Hamburg habe ich neben einem Flüchtlingsheim gewohnt und wir durften dort nicht etwa rein, mal hallo sagen und die neuen Nachbarn kennenlernen. Es gab 24h einen Pförtner und ohne Sondergenehmigung war uns ein Kontakt mit den Flüchtlingen untersagt. Als wären es Schwerverbrecher…
    Ok über das Thema könnte ich mich Stundenlang aufregen aber ich bin jetzt ruhig und stattdessen möchte ich dir Danken 🙂 Dank dir hat Deutschland hoffentlich eine Zukunft.

    • Verglichen mit anderen Lauten ist es nur eine Handvoll, die sich bei Arabisch und Deutsch überschneidet. Aber eben diese Handvoll sinnvoll zu nutzen, ist ein guter Weg, um Wertschätzung entgegenzubringen und für das weitere Lernen zu nutzen.
      Deine rührenden Worte verschaffen mir gerade einen Kloß im Hals – ich mache ja nur meinen Job… Mir liegen die Kinder am Herzen – gerade die, die es in unserer Gesellschaft eben nicht so leicht haben. Dafür reibe ich mich schon mal auf und gehe über eigene Grenzen.

      Liebe Grüße,
      Yvonne

  2. Huhu…

    Sehr schön geschrieben und auch ich muss sagen. Lehrer haben meinen vollen Respekt. Für mich wäre das ja so gar nix. Ich weiß wie ich und meine Klasse damals war. Da hätte ich als Lehrer schon lange die Fassung verloren.

    Interessant finde ich ja, dass Deutsch und Arabisch gleiche Laute haben. wusste ich noch gar nicht. Ich selber habe mit Flüchtlingen nichts zu tun. Ich sehe hier auch selten mal einen. Das mag vielleicht daran liegen, dass sie genau am anderen Ende der Stadt leben. Aber man bekommt leider auch den Hass der anderen mit. In der Gegend, war der große Flüchlingsheimbrand. Finde ich Traurig sowas.

    • Dankeschön!
      Die Schnittmenge bezieht sich auf die Konsonanten, die zwar im Arabischen andere Namen haben, in der Lautsprache jedoch ähnlich sind, es fehlen dort allerdings die Entsprechungen für das /p/, das /v/ sowie das /ç / Auch bei den Vokalen gibt es Überschneidungen, denn im Arabischen gibt es nur die Vokale: /a/ /i/ und /u/, allerdings wie hier in kurzer und langer Form.

      Liebe Grüße,
      Yvonne

  3. Ein wirklich toller Bericht. Ich finde es wichtig, dass gerade die Flüchtlingskinder integriert werden. Wir haben 3 kleine Jungs bei uns im Sportverein in der Tischtennis Abteilung. Einer von ihnen ist sogar richtig gut und wurde auch in die Mannschaft aufgenommen. Die anderen beiden spielen einfach so mit.
    Aber es muss definitiv immer noch viiel mehr passieren… Denn es ist wichtig, dass die Kinder in Kontakt kommen um die Sprache besser zu lernen.

  4. Toll, dass du dich freiwillig so engagierst. Bei uns im Ort machen das meist die Lehrer in Pension, da sich die aktiven dazu nicht in der Lage sehen. Sie sind der Meinung, dass sie als Grundschullehrer keinen Deutschunterricht geben müssen. Das sei Aufgabe der Lehrer für ältere Schüler. Was ich eher schwachsinnig finde. Vor allem beschweren sie sich dann, dass die Kinder in ihrer Klasse kein Wort verstehen von dem, was sie lehren. Es sollte wirklich mehr von deiner Sorte geben. WEITER SO!!!
    LG Christine

  5. Schön das du dich da in der Schule mit einbringst. Wir haben in unserer Gemeinde eine Förderung für Flüchtlinge, da helfen wir u.a. bei den Hausaufgaben. Mein Sohn hilft da gelegentlich mit aus. Ich selbst habe unser Jugendgruppe im Fokus, wo ich hoffe, das wir auch noch mehr „Besuch“ von den Flüchtlings-Teens bekommen. Lieben Gruß, Sandra

  6. Ich bin beruflich desöfteren in Flüchltingsheimen und Unterkünften. Mir blutet jedes mal das Herz wenn ich die kleinen Kinder dort sehe. Ich finde es bemerkenswert wie du dich kümmerst, ich schaffe es leider nicht, da ich selbst 2 Kinder habe. Sie werden beide im Dezember 3 Jahre alt und sie werden damit aufwachsen und für die beiden wird es wohl eine Selbstverständlichkeit sein, da sie es ja schlicht und einfach gar nicht anders kennen. Ich befürworte jede Hilfe, bitte aber darum unsere eigenen Kinder nicht zu vergessen, denn Betreuungsmöglichkeiten sind sehr sehr begrentzt. Mach weiter so.
    Liebe Grüße
    Sven
    https://svellby.de

  7. Ich bin beeindruckt von deinen Worten und habe großen Respekt vor dir. Nicht jeder fühlt sich verantwortlich für die Flüchtlingssituation und ich finde, dass insbesondere Kinder unsere vollste Unterstützung brauchen. Vorurteile und Ausgrenzungen ist das Schlimmste, was man einem kleinen Wesen antun kann.

    Mach weiter so!

    LG Christine

    http://pretty-you.de/

  8. Ich finde es auch sehr beeindruckend, dass du dem Mädel sprachlich so zur Seite stehst! Mit Arabisch bin ich auch noch nicht in Kontakt gekommen. Und ich stelle es mir auch schwer vor! Ich bin aber auch gespannt, wie sich alles weiterentwickelt und hoffe, du schreibst in Zukunft noch mal über weitere Erfolge!

    Liebe Grüße
    Jana

  9. Hallo,
    ich finde es beachtlich wie Du Dich darum kümmerst. In der Klasse meiner Tochter sind auch 2 Flüchtlingskinder und auch bei uns gibt es für diese Kinder keine extra Sprachförderung mehr. Ich stelle es mir für die Kinder sehr schwierig vor in der Klasse mit den anderen Kindern zu sitzen und dem Unterricht zu folgen.
    LG, Anja

    • Du hast Recht, einfach ist es wahrlich nicht. Aber das ist es auch bei der Unterschiedlichkeit der Charaktere in einer Klasse ohnehin nicht. Auch ohne Flüchtlingskinder ist die Leistungsspanne sehr durchwachsen, so dass man sich ohnehin auf jedes Kind individuelle einstellen muss: Die einen benötigen mehr Unterstützung und einfachere Materialien, die anderen hingegen brauchen Knobelaufgaben oder schwierigere Texte, um sich nicht unterfordert zu fühlen. So oder so ist es viel Arbeit, jedem gerecht zu werden. geht auch nicht immer, aber immer öfter 🙂
      Danke für die lieben Zeilen!
      Liebe Grüße,
      Yvonne

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