Kreative Köpfe brauchen Chaos, oder nicht? Selbst im größten Chaos haben sie ein System und finden nahezu alles wieder – unglaublich oder? Aber so ist es! Was dazu jedoch im Widerspruch steht, ist die Ordnungsliebe, die sie eigentlich erwarten, brauchen oder wünschen. Ist schon ne komische Sache und bislang dachte ich, dass ich zwar voller Widersprüche stecke und irgendwie anders bin, aber so ne richtige Platte hab ich mir dazu nicht gemacht. Darauf gebracht, dass ich mich ständig in meinen Bedürfnissen, Wünschen, Erwartungen und meinem eigenen Verhalten widerspreche, hat mich schon öfter mal jemand. Da ich aber oftmals in Hektik, Stress oder innerer Unruhe lebe, habe ich es damit auch abgetan. Feine Antennen für meine Mitmenschen habe ich auch seit jeher. Wenn irgendetwas nicht stimmt, jemand traurig ist oder sich irgendwie anders zu seinem übrigen äußeren Verhalten verhält, habe ich dies gemerkt. Nicht immer kam es mir in den Sinn, die Menschen darauf anzusprechen und manchmal habe ich diese kleinen Nuancen geflissentlich übersehen, weil ich eigentlich nur das Gute in den Menschen sehen möchte. Komisch kam mir so einiges aber immer vor.

Hochsensibilität in der Kindheit

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, habe ich mit vielen Kindern Kontakt gehabt, meine Freundeskreise aber regelmäßig gewechselt. ich war irgendwie anders und passte weder hier noch dorthin. Die richtige Nische habe ich erst sehr spät gefunden. Irgendwann passte der Schuh nicht mehr und ich zog in die „Welt“ – heißt mit anderen Worten: Ich verließ meinen alten Wirkungskreis im behüteten Dörfle und zog etwa 360 km in eine größere Stadt. Auch hier suchte ich meinen Platz, passte mich an und suchte innerlich weiter. Nun hab ich ihn ja gefunden, den Platz, die neue Heimat oder den Wirkungskreis, in dem ich mich richtig wohlfühlen kann :-).

Mit Hochsensibilität leben

Je älter ich wurde, desto rationaler konnte ich die Dinge betrachten – ich habe gelernt, mit meinen Widersprüchlichkeiten einigermaßen umzugehen. So, nun komme ich aber mal zum Punkt! Warum denke ich gerade jetzt über Ereignisse in meinem Leben nach? Warum habe ich tausend Ideen, kann mich schlecht auf eine Sache begrenzen? Warum habe ich das dringende Bedürfnis, alles sofort und gleich abzuarbeiten? Warum kann ich mich nicht mal entspannt zurücklehnen und die Hausarbeit ruhen lassen? Warum gehe ich von einem Raum in den anderen, um eine Sache zu erledigen und sehe in dem neu betretenen Raum eine neue Sache, die ich dann sofort erledigt haben möchte, bevor ich in den vorigen Raum zurückgehe? Warum habe ich einen „Scannerblick“, der kleinere Veränderungen bemerkt, die sonst kaum einer sieht? Und warum habe ich daheim das Gefühl, in kurzer Zeit von jetzt auf gleich an die Decke zu gehen, wenn der Tag ansonsten recht gut verlaufen ist?

Hochsensibilität wird vererbt

Die Antwort darauf habe ich durch Zufall gefunden, besser gesagt eher indirekt, noch präziser formuliert: Ich habe eine Erklärung für das Verhalten meiner Jüngsten gesucht und etwas gefunden! Darüber hinaus habe ich sogar Anwendungsmuster für meine Große gelesen und nach einem Gespräch mit einer anderen betroffenen Familie und einer Freundin ist der Groschen dann gefallen! Meine Kinder sind hochsensibel, jede mit einer anderen Ausprägung und da das nicht von ungefähr kommt – also vererbt wird – fasste ich mich an die eigene Nase und ließ die Vergangenheit Revue passieren. Nun ist mir auch völlig klar, warum die Kleine und ich so oft aneinanderrasseln und die Große und ich uns in vielen Dingen ähnlich sind und trotzdem die Luft zum Brennen bekommen…

Anteil hochsensibler Personen in der Bevölkerung

Hochsensible Personen (HSP) sind gar nicht selten anzutreffen. Genauer gesagt betrifft es etwa 20% der Bevölkerung, doch viele sind sich dessen nicht bewusst. Oftmals bemerken sie zwar innere Spannungen etc., doch sie sind „Meister der Anpassung“ und halten oft ihre wahre Gefühle hinter dem Berg. Ab einem bestimmten Alter, wenn das Kind das Gefühl für seine Bedürfnisse verliert und sich den Normen der Gesellschaft anpasst, lernen HSP auch den Umgang mit Rollen. Befinden sie sich in einer Rolle, können sie für diese Zeit die Rolle meistens so erfüllen, wie es die Gesellschaft erwartet. Nacheinander haken sie somit verschiedene Rollen ab, bis sie in ihrem sicheren Umfeld sind und keine Rolle mehr einnehmen müssen. Dann erst merkt der Körper, wie anstrengend der Tag war und kann nur noch wenige Reize kompensieren. Oftmals führt dies dann dazu, von jetzt auf gleich zu explodieren, um den inneren aufgestauten Spannungen des Tages ein Ventil zu geben. Natürlich ist das nicht immer so, aber ich spreche gerade von dem, was ich an mir selbst und meinen Kindern beobachtet habe.

Welche Reize sind bei Hochsensibilität betroffen?

In unserem Fall werden unterschiedliche Reize bedient: Die Große und ich reagieren hauptsächlich auf innere Spannungen und Gefühle, nehmen äußere Reize zwar auch verstärkt wahr, können diese jedoch einigermaßen gut handhaben. Dies kann schon mal darin enden, dass ein inneres Bild von etwas umgesetzt werden muss (bspw. Frisur oder Kunstwerk) und die Enttäuschung darüber, dass es nicht 100%ig der Vorstellung entspricht, eine Traurigkeit erreicht, die dem nicht angemessen ist. Wir sind mehr oder weniger perfektionistisch und haben es schwer, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Über eine durchschnittliche Leistung wird schnell mal eine Träne vergossen und zu viel beigemessen – ja auch ich habe über die allererste 3 in meiner Kindheit (4. Klasse) so geheult, als wäre es ein Weltuntergang…

Innere und äußere Reize – vieles gleicht sich und ist doch anders

Meine kleine Tochter ist da ganz anders. Sie reagiert stark auf äußere Reize. Laute Geräusche, plötzliche Veränderungen, fremde Menschen und Umgebungen machen ihr Angst. Sie hat einen leichten Schlaf, ist berührungsempfindlich und merkt jeden Faden, der irgendwo an der Strumpfhose etc. herunterhängt. Sie fasst spät Vertrauen und bezieht sich im Spiel nur auf bestimmte Personen während sie die anderen total ausblendet. Sie hat regelmäßige Wutausbrüche, wenn ihr etwas nicht gelingt oder etwas nicht nach ihrem Willen geht. Noch kann sie sich daheim schlecht anpassen, in anderen sozialen Bereichen – wenn sie im Kindergarten oder allein bei der Oma ist – kann sie sich meistens den Regeln unterordnen und macht keine Probleme. Wenn ihr ein Spiel etc. gefällt, kann sie darin versinken und hat eine Ausdauer, die man von einer Dreijährigen so nicht erwarten kann. Ihre intrinsische Motivation beim Malen oder Puzzeln ist hoch, wenn es ihr jedoch abverlangt wird (bspw. bei U-Untersuchungen) dreht sie total durch. Andererseits ist auch sie sehr sozial und teilt auch mal ihre Süßigkeiten oder ihr Spielzeug – sie ist aber nur zu bestimmten Personen großzügig und wechselt ihre Einstellung teilweise mit rasender Geschwindigkeit.

Verständnis und Geduld

Tja, es ist halt nicht einfach mit uns dreien. Wir geraten schon relativ oft aufeinander und sitzen quasi auf einem Pulverfass. Aber da ich mich nun eingehender mit dem Thema befasse, versuche ich auch hier mit viel Verständnis und Geduld zu erziehen. Noch gelingt es mir nicht konstant, denn auch mir gehen manchmal die Pferde durch (Geduld ist dabei eine Tugend, die mir meistens verschlossen bleibt), so dass ich dann doch etwas lauter werde. Aber seitdem ich mich näher mit dem Thema befasst habe, gelingt es mir immer öfter. Wer mehr zu diesem Thema lesen möchte, dem empfehle ich diesen Link. Mir hat es die Augen geöffnet… Gute Bücher gibt es mittlerweile auch, wenn ich dazu ein passendes gefunden habe, das ich persönlich empfehlen kann, werde ich es noch nachreichen.

Weitere Beiträge von mir zu diesem Thema sind nun hier gebündelt zu lesen :-).

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