Ich führe meinen schwarzen Hund nun schon eine ganze Weile an der Leine. Er geht nicht mehr durch und wird auch nicht übermächtig. Man sagt ja, dass Hund und Herrchen bzw. Frauchen eine spezielle Beziehung zueinander haben – ein Hund quasi der beste Freund des Menschen sei.

Mit der besonderen Spezies – dem schwarzen Hund – ist das jedoch anders. Freunde sind wir nicht, aber eine spezielle Beziehung haben wir auch. Nicht immer harmonisch, aber abwechslungsreich. Mehr oder weniger lebendig. Manchmal besitzergreifend und launisch. Wir brauchten eine Weile, um ins Gleichgewicht zu kommen. Haben voneinander und miteinander gelernt und sind aneinander gewachsen.

Unsere Geschichte ist lang, voller Hindernisse und Abenteuer…

gefunden bei der fotocommunity
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Begegnungen mit dem schwarzen Hund

Wann wir uns erstmals begegnet sind, kann ich gar nicht sagen. Wir waren stille Weggefährten, beschnupperten uns und „checkten“ die Lage. Ich habe ihn nicht wirklich beachtet, vielleicht war das ein Fehler, der sich im weiteren Verlauf unseres „Kennenlernens“ rächte.

Ich war schon immer ein empfindsamer Mensch. Ein Mädchen, das gemocht werden und irgendwie dazugehören wollte, aber doch seinen „richtigen“ Platz nicht wirklich gefunden hat.

Also war ich immer auf der Suche. Nach wem oder was, weiß ich auch nicht so recht… So kam es, dass ich meine Freundeskreise phasenweise gewechselt habe. Auch wenn ich wie ein Chamäleon anpassungsfähig bin und mich oftmals neu orientiert habe, habe ich mich dennoch irgendwie heimatlos gefühlt. Mir fehlte es oftmals an einem ICH-Gefühl.

Wenn du nicht gern ein Kind bist…

Ich wollte nie diejenige sein, die ich war. Nichts war recht für mich: Als Kind wollte ich kein Kind sein. Bereits mit acht Jahren habe ich mein Spielzeug auf den Dachboden verbannt, mich mit Büchern in eine andere Welt geträumt. Ich wollte unbedingt erwachsen sein, wollte auf eigenen Beinen stehen, mein Kinder- oder Jugendzimmer gegen eine WG eintauschen. Ich wollte weg aus dem kleinen Dorf, in dem ich mehr schlecht als recht lebte. Wollte was von der Welt sehen und mich finden. Ich habe mich in diversen Sportarten versucht, bin Erfolgen hinterhergejagt, habe alles mit einem Ehrgeiz getan, der mir im Nachhinein unheimlich ist – irgendwie krankhaft sogar.

Vielleicht bin ich dem schwarzen Hund schon in dieser Zeit erstmals begegnet, da ich nie mit mir zufrieden war. Vielleicht war es auch nur ein kleiner schwarzer Welpe, der mit unschuldigem Blick flehend meinen Weg streifte…

Immer auf der Suche!

Mit 18 Jahren – das Abitur in der Tasche, den Ausbildungsvertrag unterschrieben – habe ich mein Elternhaus verlassen: Endlich auf eigenen Beinen stehen! Erfahrungen sammeln, die eigene „Frau“ sein. Ein tolles Gefühl! Voller Elan und Tatendrang habe ich diese Momente ausgekostet und dann eine komplett andere Richtung eingeschlagen. Ich hatte nur scheinbar gefunden, wonach ich mich immer sehnte und habe dann meinen Blick in die Ferne gerichtet.

Die Zelte abgebrochen. Neustart in einer fremden Stadt, ohne Familie und Freunde, dafür aber mit Liebe und voller Hoffnung auf… Ja auf was eigentlich? Nach so vielen Jahren kann ich es gar nicht mehr sagen. Ich war auf der Suche nach etwas, das mich erfüllt. Etwas, das mich belebt. Etwas, das mir sagt, wer oder was ich bin. Auf der Suche nach der Liebe, die für jeden erstrebenswert ist und mit der das Gefühl allmächtig wird, sich komplett und angekommen zu fühlen. Im Nachhinein kann ich erst erkennen, dass der schwarze Hund schon damals mein Wegbegleiter war. Nur einer, der ganz still und heimlich um meine Beine strich…

Viele Entscheidungen und ein tiefes Tal

Nachdem die große Liebe damals unschön zerbrach, musste ich viele Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die mich einerseits stark gemacht haben, andererseits in ein kleines Loch haben fallen lassen. Damals war ich gerade mitten in meiner Ausbildung. Eine Ausbildung, die mir einerseits unglaublich viel Freude brachte und mich andererseits ziemlich fertig gemacht hat. Das Lächeln der zufriedenen Kunden nach einer wunderschönen Urlaubsreise gegen den Missmut meiner Chefin, deren Maxime es war, die älteren Azubis für den Mist der jüngeren Azubis verantwortlich zu machen – gern auch in diskriminierender Art.

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ – diesen Spruch kennt jeder, aber Ungerechtigkeiten verkrafte ich sehr schlecht. Privat gab es einige Tränen und beruflich nur noch mehr. Wenigstens hatte ich durch die Berufsschule Freunde gefunden, die mich in dieser Zeit aufgefangen haben. Vielleicht wäre ich sonst damals schon in ein tieferes Loch gefallen: Mehr oder weniger allein in einer fremden Stadt, 300 km entfernt von der Heimat, ohne Familie. Aber ich gab (mich) nicht auf. Mein Ehrgeiz hat mich über Wasser gehalten. Ich habe gegen alle Widrigkeiten gekämpft und gegen ein tiefes Tal der Tränen gewonnen. Der schwarze Hund war zu Besuch, wollte aber nicht bleiben.

Du hast gewonnen – Durch Mobbing werde ich vom schwarzen Hund eingenommen

Jahre verstrichen und ich machte weitere Lebenserfahrungen. Ich stand mit beiden Beinen im Leben, hatte mittlerweile einen guten Job, fühlte mich wohl und verliebte mich in meinen späteren Mann. Erfolg im neuen Job – weg vom kleinen Reisebüro und hin zum großen Reiseveranstalter – machte mich stolz und ließ mich zu Höchstformen auflaufen. Doch dies zog auch Neider mit sich. Eine Teamkollegin hatte ein Burnout und fiel lange aus. Die Arbeiten haben wir alle gemeinsam für sie getragen und dann gab es eine neue Vorgesetzte. Mit ihr fing (m)ein kleines Martyrium an. Zunächst nur mit harmlosen Sprüchen und dann mit unfairen Äußerungen. Während ich gerade geheiratet hatte und mit meinem Mann in der Bauphase steckte, die – nebenbei bemerkt – nicht ganz konfliktfrei war, gab sie mir mit ihren Sticheleien noch etwas mit auf den Weg.

Der schwarze Hund war wieder da und dieses Mal wollte er nicht gehen. Ich fühlte mich erstmals hilflos und konnte kein Lächeln mehr finden. 

Mein Mann hielt zu mir und machte mir Mut, doch auch der Stress am Bau zeigte seine Spuren. Meinungsverschiedenheiten und der Wunsch nach einem Kind, das sich nicht ankündigen wollte, taten ihr Übriges dazu. Mein persönliches „Burnout“ bahnte sich seinen Weg. Verzweifelt und irgendwie mit mir allein, versuchte ich einen Ausweg zu finden. Drei Wochen blieb ich daheim und suchte einen Psychologen auf. Doch irgendwie wollte mir das alles nicht so ganz in den Sinn.

Der schwarze Hund wird verdrängt

Ich biss die Zähne zusammen und machte weiter. Die lang ersehnte Schwangerschaft stellte sich ein. Ein Hoffnungsschimmer, der zugleich einen bitteren Beigeschmack hatte. Denn mit der Schwangerschaft unseres Wunschkindes stellten sich auch unüberbrückbare Differenzen zwischen uns Eheleuten ein.

Viele Tränen sind geflossen, Verzweiflung und gefühltes Elend gehörten zu meinem Tagesprogramm. Es war eine schmerzhafte Zeit, die mir nicht nur den Schlaf, sondern auch jegliche Fröhlichkeit raubte. Hier wuchs der schwarze Hund zu einer enormen Größe an, die eigentlich nicht mehr zu übersehen war. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie habe ich es geschafft, meinen Weg zu gehen und nach schmerzhaften Jahren zu einer neuen Mitte und neuen Aufgaben zu finden. Hier bewahrheitete sich das Sprichwort: „Fällt eine Tür zu, öffnet sich eine andere..“ Ohne dieses Schicksal hätte ich nie den Mut gehabt, ein Studium zu beginnen und damit meine wahre Passion als Lehrerin zu finden. Dafür bin ich noch heute unheimlich dankbar.

Wiederkehrender Besuch vom schwarzen Hund

Doch wer einmal eine depressive Episode überstanden, sie aber nicht wirklich – sprich professionell – verarbeitet hat, den holt sie irgendwann wieder ein. Es sei denn, der Resilienzfaktor ist mittlerweile so groß, dass jedes neue Schicksal angenommen und positiv bewältigt werden kann. Bei mir war das nicht der Fall.

Irgendwann wurden die Belastungen derart groß, dass ich nicht mehr weitermachen konnte. Mitten in der Abschlussphase meiner Masterarbeit war es um mich geschehen. Meine Kräfte, die ich genutzt hatte, um einen guten Abschluss zu erzielen, um meine Kinder zu erziehen oder aber um die Fassade meiner perfekten „ich bekomme alles problemlos hin“-Einstellung aufrecht zu erhalten, haben ihren Dienst quittiert. Knockout! Schlimmer konnte ich nicht fallen. Mein Leben war mir nichts mehr wert. Ich hatte versagt! Ein trügerisches Gefühl, das mich fast mein Leben kostete. Ich wollte nicht mehr! Eine Versagerin wie mich brauchen meine Kinder nicht – so lautete der trügerische und krankhafte Gedanke, der sich in meinem Hirn breit machte und fast die Kontrolle über mein Handeln übernahm.

Endstation Klinik

Ich bin sehr froh, dass mein körperlicher Zusammenbruch für die Einweisung in eine Klinik sorgte. Auch wenn ich mich sehr dagegen gewehrt hatte, war es das Beste, um den schwarzen Hund an die Leine zu legen und mit ihm zu leben.

Was ich konkret gemacht habe, welche Täler ich durchschritten habe und welche Hügel ich erklimmen musste, um diesen Kraftakt mit meinem schwarzen Hund zu gewinnen, werde ich im Rahmen der Bloggeraktion „Ich packe meinen Koffer“ am 24.07. in meiner „Reise ins Licht“ schildern. Bleibt neugierig und lest in zwei Wochen weiter…

Die Zwischenzeit dürft ihr euch aber gern mit dem Lesen meiner anderen Beiträge zum Thema Depressionen vertreiben. Lasst mir einen Kommentar da oder teilt, wenn es euch gefällt. Wichtige Aufklärungsarbeit kann nur von allen zusammen geleistet werden – das schaffe ich nicht allein!

Gefällt dir der Beitrag? Dann freue ich mich übers Teilen 🙂

5 comments on “Leinenzwang für den schwarzen Hund”

  1. Ganz toller und mutiger Beitrag. Ich hab/hatte selbst immer wieder Depressionen und kenne den schwarzen Hund gut und kann mich allen deinen Worten und Empfindungen nur anschließen. Vor allem diese unendliche Suche und das Gefühl nicht bei sich zu sein, nichts wert. Ich finde das echt prima, wie du dich diesem Thema näherst. Ich bin beruflich selbst Pädagogin und kenne das Spagat. Danke dafür. Liebe Grüße, Madlén

    http://www.madlenboheme.com

  2. Ja..oftmals ist es wirklich besser den schwarzen Hund an der Leine zu führen…gar nicht so einfach die Oberhand zu übernehmen und sich nicht durch den Alltag ziehen zu lassen. Aber hat man es erstmal geschafft, kann man getrost einen Moment lang ausatmen und den Moment genießen.

    Es wird aufwärts gehen, ganz bestimmt 🙂

  3. Das hört sich von den Gefühlen und Gedanken (z.T. auch von der Geschichte ) an wie bei mir… nur habe ich nie den Mut gefunden um darüber zu reden. Bloß nicht auffallen. Niemanden mit deinen Problemen und Gedanken belasten. Irgendwie muss es weiter gehen…und dann sucht man sich andere Mittel und Wege um damit fertig zu werden. Oder man rutscht einfach da rein und weiß hinterher gar nicht mehr wie und warum….
    und der Weg ist so lang und steil um da wieder raus zu kommen….
    Danke das du darüber schreibst. Es zeigt mir das ich damit nicht alleine bin. Und es macht mir Mut, das ich es vllt doch schaffen kann…

    • Liebe Jenn,
      ich wünsche dir sehr, dass auch du dir irgendwann ein Herz fassen kannst und dich jemandem anvertraust. Gerade deine Freunde sollten das wissen. Ich habe es lange genug verheimlicht und mich erst offenbart, als ich in der Klinik war. Es war ein Schock für Freunde und Verwandte, aber nach dem „Öffnen“ wurde alles viel einfacher.
      Ich drück dich aus der Ferne und wünsche dir viel Kraft für deine weiteren Schritte. Kämpfe! Es macht dich frei!
      Liebe Grüße,
      Yvonne

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