Mein Leben mit Depressionen ist so wechselhaft wie die Krankheit selbst. Es gibt Phasen, da merkt mir keiner an, dass ich depressiv bin oder war. Denn weg ist die Krankheit nie, man lernt nur, damit umzugehen und zu leben. Heute öffne ich mich und versuche deutlich zu machen, was ein Leben mit Depressionen ausmachen kann.

Kreisgrübeln

Ich denke wieder nach und komme in das blöde Kreisgrübeln, das mich nicht mehr loslässt. Vor meinem inneren Auge spielen sich Erlebnisse ab. Augenblicke, die ich hinter mir gelassen habe, die mich aber jetzt gerade wieder einholen. Es ist ein komisches Gefühl: „Vom Himmel hoch jauchzend – zu Tode betrübt“ Lustige Wimpernschläge bei traurigen Augenblicken tief in mir drin. Meine akutes Leben mit Depressionen liegt hinter mir, ich kann also ganz sachlich ans Thema gehen. Aber doch bewegt sich in mir was.

Es ist der Kloß, der sich seinen Weg durch meinen Körper bahnt. Von unten hochzukriechen scheint und droht, mir wieder den Hals abzuschnüren. Aber ich will das verhindern! Ich schreibe jetzt, damit sich meine Gedanken nicht verfangen. Vor meinem geistigen Auge spielen sich Szenen der Vergangenheit ab. Eine Vergangenheit, die nicht allzu fern ist. An diesem Tag ist meine Fassade zusammen gebrochen. Ganz echt jetzt, nicht nur buchstäblich!

Alles bricht zusammen, die Depressionen bestimmen mein Leben

DepressionEs war ein ganz normaler Alltagsmorgen. Ich kümmerte mich um das Frühstück meiner Kinder und wirbelte um sie herum. Mit größter Mühe unterdrückte ich das, was sich einen qualvollen Weg durch mein Innerstes kämpfte. Doch dann hat es mich überwältigt und auf die Matte gehauen. Ein Knockout mitten auf dem Küchenboden. Vor den Augen meiner Kinder. 1:0 gegen mich!

Ich lag auf dem Boden und konnte nichts mehr. Auf der physischen Ebene war ich anwesend, auf der psychischen Ebene schwebte ich über mir und sah mich quasi von oben. Ich erschrak über die Besorgnis meiner Größten, die sofort vom Stuhl aufsprang und zu mir kam. Sie redete besorgt und verängstigt auf mich ein, aber ich konnte nichts tun. Die Kleine weinte. Und ich konnte immer noch nichts tun. Ich war wie gelähmt. Die schwarze Klaue hatte mich in ihrem festen Griff. Ich kann nicht sagen, wie lange es gedauert hat, bis ich wieder funktionierte. Bis ich die Kinder beruhigt hatte und in trügerischer Sicherheit wähnen konnte. Jegliches Gefühl für Zeit und Raum ging verloren, aber ich funktionierte wieder. So wie an allen Tagen, Wochen und Monaten zuvor. Trotzdem hallte es nach. Mir war klar, dass ich am Ende war. Mein Körper hat es mir ganz klar signalisiert. Meine jahrelange Selbstlüge war vorbei!

Medikamente gegen Depressionen als Soforthilfe?

Noch am selben Tag bin ich zum Arzt gegangen. Ich wollte, dass er mir hilft. Jetzt. Sofort. Irgendwelche Muntermacher, damit ich weiter funktionieren konnte. Es muss ja irgendwie weiter gehen….Doch nicht mit meinem Arzt – das ist nämlich ein ziemlich guter Arzt 🙂

Da ich wegen meiner Kinder vor dem Vorfall öfter da war, hat er diesen Zusammenbruch kommen sehen. Er wusste auch um meinen Ehrgeiz im Studium. Ohne eine 1 oder 2 war ich nämlich nie zufrieden. Deswegen reagierte er auch ganz schnell und überzeugte mich, dass es nun Zeit für eine Pause wäre. Der Zeitpunkt war nicht gerade optimal: Ich hatte gerade den Tod meines Vaters hinter mir, steckte mitten in der Prüfungsphase zum Masterabschluss und hatte meine zwei Kinder zu versorgen. All´ meine Beweggründe, um eine Pause einzulegen, wurden mit ganz scharfem Blick als bedenklich eingestuft.

Wegen Depressionen in eine Klinik

Nach einem sehr intensiven Gespräch hatte er mich überzeugt. Binnen drei Wochen wurde ich in einer Akut-Klinik aufgenommen. Fast abgeschottet von allem konnte ich zu mir kommen. Mich verstehen. Mich ein stückweit fallen lassen. Aber mein Leben mit Depressionen wurde noch schlimmer, denn ich hab ein Helfersyndrom. Ich traf auf Menschen, die mich verstanden. Menschen, deren Probleme ich als HSP (hochsensible Person) auf mich auflud. Menschen, die mich von meinen Problemen ablenkten – denn ich wollte ja auch ihnen helfen. Ein Teufelskreis, denn wer sich weiterhin selbst belügt, kann nicht weiterkommen.

Es wurde sogar so schlimm, dass ich die Menschen, die mir am wichtigsten waren (meine Kinder) innerlich ablehnte. Ich wollte gar nichts mehr! Ich kämpfte mit mir. Es ging buchstäblich um Leben und Tod. Ein sehr mächtiger Teil von mir wollte nicht mehr leben.

Wenn Suizid der letzte Ausweg zu sein scheint…

Auf dem Weg eines Heimbesuches zurück in die Klinik überlegte ich mir, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Ich habe es nicht ertragen, bei meiner Familie zu sein und mich dabei so fremd zu fühlen. Alle hatten sich auf meinen Besuch gefreut (nach zwei Wochen hatte ich ein paar Stunden bei meiner Familie verbringen können), aber ich konnte niemanden ertragen. Ich wollte nur noch weg von ihnen. Ich fühlte mich nicht mehr zugehörig. Eine Fremde!

„Was wollen die denn mit mir? Mich braucht doch keiner! Die kommen ohne mich schon viel besser zurecht. So eine Mutter ist keine gute Mutter für die Kinder. Alle haben es leichter, wenn ich nicht mehr da bin.“ Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf und es wurde minütlich schlimmer. So schlimm, dass ich fühlte, die Wände würden auf mich zukommen und mich erdrücken. Ein Leben mit Depressionen war für mich nicht mehr lebenswert!

Ich bekam kaum Luft und verabschiedete mich fast fluchtartig. Setzte mich ins Auto. Drehte den Schlüssel um und fuhr. Nicht. Ich konnte nicht weg. Ich konnte nicht da bleiben. Ich konnte wieder einmal nichts mehr! Mir liefen die Tränen über die Wangen. Eine Mischung zwischen Verzweiflung und Wut, Ohnmacht und unsagbarer Traurigkeit lähmte mich. Nach einer Weile wurde ich klarer und fuhr weg. Im Kopf hatte ich ein Ziel: Erlösung.

Den Suizid verhindern

Mein Fuß drückte aufs Gaspedal. Immer schneller fuhr der Wagen Richtung Klinik. Kurz vor dem Ziel sah ich einen Baum. Der sollte es sein. In Gedanken schloss ich die Augen und fühlte mich frei. Doch in die Tat umsetzen konnte ich es nicht. Gott sei Dank!!!!

Kaum in der Klinik angekommen, suchte ich das Gespräch mit einer Co-Therapeutin. Das tat gut 🙂 Das, was ich erlebt hatte, war schlimm – zweifelsohne – aber es zeigte mir auch den Grund, warum ich in der Klinik war. Nach diesem Tiefpunkt konnte ich nach vorne blicken. Es hatte sich etwas in mir verändert. Ein langer, harter und verdammt steiniger Weg begann….

Im Übrigen findet ihr in der Rubrik „Aus dem Netz gefischt“ einige sehr interessante Artikel, die mir teilweise für meinen Weg ins Licht eine Menge gebracht haben. Weitere Beiträge zu diesem Thema sind mittlerweile in der Kategorie Depression von mir zusammengefasst worden.

Gefällt dir der Beitrag? Dann freue ich mich übers Teilen 🙂

4 comments on “Ich öffne mich – mein Leben mit Depressionen”

  1. Auch hier muss ich (leider) Ich auch! rufen….Ich bewundere Deinen Mut, Deine Geschichte hier darzulegen. Ganz große Gratulation dazu! Bei mir wissen es eigentlich nur einige Menschen im engsten Familien-und Freundeskreis.
    Es ist zwar seit Jahren überwunden, aber eine Gewissheit gibt es nicht. Fühlt sich wie ein Damoklesschwert an, welches über einem hängt….

    Liebe Grüße
    Meike

  2. Als ich gerade diesen Blogbeitrag gelesen habe, habe ich geheult. Genauso geht es mir jetzt. Ich sitze in meinem Depressionslo, einfach fest und habe das Gefühl, einfach nicht mehr zu können.
    Suizid als einzigen Ausweg – diese Gedanken habe ich zur Zeit täglich. Das einzige, was mich bisher davon abgehalten hat, sind meine beiden Hunde.
    Sie müssten ins Tierheim, das bringe ich noch weniger fertig. Und so sitze ich in meinem verzweifelten Zustand und weiß nicht weiter.

    • Liebe Weena,
      danke für deine Zeilen.
      Wenn ich dich persönlich aufmuntern kann oder du Fragen hast, wie ich aus dem Loch immer wieder rauskomme, wende dich gern persönlich per Mail an mich. Ich helfe wo ich kann!
      Fühl dich gedrückt,
      Yvonne

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