Mit Depressionen in die psychiatrische Klinik

Im Gegensatz zu einer Reise in die psychiatrische Klinik werden viele Reisen lange geplant. Ein Reiseziel wird ausgesucht, eine Unterkunft o.ä. gebucht, die Koffer gepackt und dem Tag bis zur Abreise euphorisch entgegen gefiebert.

Bei meiner Reise ist von allem ein wenig dabei. Denn vor einiger Zeit ging ich wegen meiner Depressionen in eine psychiatrische Klinik, um das Licht in der Dunkelheit wiederzufinden.

#unserKoffer

Wegen Depressionen in die psychiatrische Klinik

Ich weiß, dass ich sehr krank bin und dass mir dort geholfen werden kann, aber trotzdem packe ich meinen Koffer mit einem mulmigen Gefühl. Es geht ja nicht irgendwo hin, es geht in eine psychiatrische Klinik. Dort geht es vielen Menschen wie mir: Sie sind antriebslos, traurig, gefühlstaub oder haben schlimme Ängste und Panikstörungen. Ich habe Angst! Was erwartet mich dort, wie tief wird in meinen Wunden gebohrt, schaffen die Kinder das alles ohne mich?

In mir fährt eine Achterbahn. Immer rauf, dann nen Looping und im schnellen Fall wieder herab. Angst, Unsicherheit und Hoffnung vermischen sich zu einem dicken Kloß. Jetzt bloß keinen Rückzieher machen, du willst doch, dass es dir bald besser geht!!!

Auf eigenen Wunsch in eine Klinik für Depressionen

Ja will ich und deswegen fasse ich mir ein Herz und lasse meinen alten Ballast und all´die Unsicherheit hinter mir. ICH GEHE IN DIE KLINIK. Dort angekommen sehe ich weitere unsichere Gesichter, aber auch freundliche Menschen, die mich herzlich willkommen heißen. Hier bleibe ich! Allen geht es irgendwie wie mir, oder es ging ihnen so wie mir jetzt. Sie nicken freundlich oder sprechen mich gleich an. Es tut gut, so wahrgenommen zu werden, obwohl ich innerlich lieber weglaufen möchte. Nein! Das Handtuch werfe ich nicht mehr. Ich will mich nicht mehr verstecken! Nun stehe ich zu meinen Problemen und lasse mir hier helfen.

Die erste Zeit

Die ersten Tage waren schon komisch: Ich in der Klinik und meine Kinder daheim. Keiner wusste, wie lange ich dort bleiben muss. Ein beängstigendes Gefühl und gleichsam befreiend. Denn hier konnte ich mich nur auf mich selbst besinnen. Die Einzigen, die was von mir wollten, waren die verschiedenen Therapeuten und das war ganz ok. Es gab unterschiedliche Angebote, um einen Zugang zum Patienten zu bekommen. Gefallen haben mir dabei immer die Sport-, Musik- und Kunsttherapiesitzungen. Anfangs war es zwar noch komisch, aber je mehr ich mich darauf eingelassen habe, desto wohler fühlte ich mich und begann, zu mir selbst zu finden. Das war jedoch ein hartes Stück Arbeit und war größtenteils auch nur durch meine Mitpatienten möglich. Es ist so beruhigend zu wissen, dass alle im gleichen Boot sitzen und viele Probleme sich gleichen. Man schwimmt zwar gegen den Strom, wenn man gegen die Depression ankämpft. Aber man schwimmt auch mit dem Schwarm und wird beim „Kämpfen“ getragen.

Erste Erfolge bei Therapie gegen Depressionen

Nach etwa drei Wochen Klinikaufenthalt gab es bei mir den ersten richtigen Durchbruch. Ich legte meine Karten auf den Tisch und erklärte meinem Umfeld, in welchem „Krankenhaus“ ich nun wirklich bin und was mich dorthin verschlagen hatte. Die Reaktionen waren unterschiedlich: Es reichte von echtem Erschrecken über Sprachlosigkeit bis zu Verständnis á la „Wenn ich das doch bloß gewusst hätte!“. Viele haben sich sogar gefragt, warum sie nichts gemerkt haben und sich von meiner Fassade haben blenden lassen. Klar hatten sie gemerkt, dass es mir oftmals nicht so gut ging. Da ich aber gerade in meiner Prüfungsphase war, gab es für sie eine offensichtliche Erklärung. Niemand ahnte, dass der Weg in die psychiatrische Klinik eine Folge eines geplanten Suizids war.

Bei Depressionen Gefühle wieder wahrnehmen

In den Wochen des Klinikaufenthalts machte ich merkliche Fortschritte und konnte langsam auch mal wieder Gefühle empfinden – das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber ich wusste nicht, was wirkliche Gefühle sind. Also Trauer, Wut und Glück schon, aber all´ die kleinen Zwischennuancen waren mir absolut fremd geworden! Wie dem auch sei. Ich fand zu mir und ließ meine Mauer ums Herz langsam bröckeln. Ab und an wollte ich sie wieder aufbauen. Mancher Stein der Mauer wog so schwer und ließ sich kaum bewegen – alte Wunden brachen auf und mussten geheilt werden.

Entlassung aus der psychiatrischen Klinik

Nach insgesamt 7 Wochen wurde ich entlassen. Ein sehr beängstigendes Gefühl. In meiner Käseglocke mit Gleichgesinnten fühlte ich mich wohl, fühlte mich sicher und hatte zudem eine Menge zu lachen. Wie sagt man doch gleich: Lachen ist die beste Medizin! Jawoll, das stimmt!!! Auf alle Fälle wollte ich nicht mehr aus der Klinik weg. Ich freute mich nicht auf zu Hause, denn dort müsste ich die Probleme allein lösen und dort waren immerhin auch ein paar Auslöser zu finden…

Wehmütig verließ ich also den Klinikparkplatz und schloss bald darauf die Tür zu meinem eigenen Reich auf. Mein Kloß im Hals lähmte mich und ließ meine Schritte ganz zaghaft und schwer werden. Zielsicher steuerte ich dabei aber mein Sofa an und ließ mich fallen. Ich weinte und ließ meinen Emotionen freien Lauf. Die Abschiedsgeschenke meiner Mitpatienten fest umklammert, hockte ich eine lange Zeit fast regungslos herum. Nach einer gefühlten Ewigkeit machte es „Klick“ und ich wechselte von Trübsal zu Aktivismus: Koffer auspacken, Geschenke für die Kinder bereitlegen, mir einen Überblick machen.

Die Zeit rannte nur so dahin. Der Zeitpunkt, an dem ich meine Kinder von Schule und Kita abholen musste, nahte. Den Heimreisetag hatte der Papa nämlich lange Zeit herbeigesehnt, um endlich wieder normal arbeiten gehen zu können. Somit hatte ich auch keine Schonfrist mehr und musste von jetzt auf gleich alle familiären Aufgaben bewältigen. Keine schöne Angelegenheit. Klar, mir fehlte körperlich nichts, aber etwas Puffer daheim hätte mir ganz gut getan. Egal, war halt nicht anders möglich…

Depressionen im Alltag – der innere Kampf

Ich holte also meine Kinder ab und freute mich, sie zu sehen, zu umarmen, mit ihnen auf dem Sofa zu kuscheln und einfach mal eine schöne Mutter-Kind-Zeit zu haben. Für all´ diese Sachen hatte ich nämlich vor dem Aufenthalt keine Kraft – und ehrlicherweise auch kein Gefühl mehr. Ich war ein Eisklotz geworden, der ich nach meinem Klinikaufenthalt nicht mehr war.

Meine Veränderungen aus der Klinik zogen nunmehr in den Alltag ein. All´ das, was ich mühsam erlernt habe, konnte ich in kleinen Schritten gut umsetzen. Es war eine harte Arbeit, die auch vor Rückschlägen nicht sicher war. Doch dafür hatte ich meinen ambulanten Therapeuten, der mich medikamentös und durch intensive Gesprächstherapien begleitete. Und was noch viel wichtiger war, waren die Freunde und Bekannte, die ich in der Klinik finden konnte. Fast täglich wurde telefoniert, gechattet oder gesimst. Es war ein Anker, der mir so wertvoll geworden ist. Denn auch heute weiß ich diese Freunde – nach knapp zwei Jahren – an meiner Seite.

Skills bei Depressionen

Der imaginäre Rucksack, den ich bereits in der Klinik packen durfte, begleitete mich im Alltag. Er war angereichert mit allerlei Achtsamkeitsübungen, dem wiedererkannten Faible für Genuss, einer neuen Tagesstruktur mit allerlei Rückzugspausen – die ich mir vorher nie gegönnt habe, bzw. für Zeitverschwendung gehalten habe. Sehr präsent war dabei das Wissen, sich auch mal abgrenzen zu müssen!  Zwar vergaß ich ab und an mal, dass es diesen Rucksack gab, aber da gab es ja immer auch mal Gespräche, die mich daran erinnerten. Am Anfang kostete es viel Überwindung, mich dieses Rucksackes regelmäßig zu bedienen, doch im Laufe der Zeit ging es mir in Fleisch und Blut über.

Mit neuen Aufgaben gegen die Depression

Als sich dann auch noch meine freie Zeit nach dem Studium dem Ende neigte und der Einsatz als Lehrerin bevorstand, bekam meine Motivation zum „Gesundwerden“ einen weiteren Höhepunkt. Um mich optimal auf kommende Bedingungen vorzubereiten, ging ich für einen kurzen Zeitraum von drei Wochen noch einmal in die gleiche psychiatrische Klinik. Hier bekam ich ganz spezielle Inputs, um während des Lehrerdaseins stabil zu bleiben. Nicht nur, dass ich nun emotional gut vorbereitet war, ich war auch hochmotiviert. Ich wollte nichts sehnlicher als endlich loslegen zu dürfen!!! Dieser „Kick“ war ausschlaggebend für mein neues ICH-Gefühl. Mehr und mehr ging ich in meiner Rolle als Lehrerin auf. Alles hatte auf einmal einen Sinn! Ich strahlte förmlich – auch wenn ich durch die Belastung im Beruf, mit den Kindern und auch mit den eigenen Ansprüchen ziemlich unter Strom stand. Doch dieser Stress war positiv für mich!

Mittlerweile liegt auch dieser Moment etwas zurück, aber ich zehre noch heute davon. Wer mich in der Schule erlebt, hat keine Ahnung, mit welchen Dämonen ich einst kämpfen musste.

Nach der Depression

Ich bin angekommen. Ich bin zufrieden. Ich bin glücklich!

Mein Leben ist nun voller Freude und Licht. Vorbei die Zeiten der Dunkelheit, in denen alles zu viel war und ich am liebsten im tiefsten Erdloch versunken wäre. Doch das sah ja mal anders aus… (weitere Beiträge mit Tipps für depressive Menschen findet ihr hier).

Ich habe zwei gesunde und wundervolle Kinder, einen interessanten und herausfordernden Beruf und last but not least die verständnisvollsten Freunde, die ich mir wünschen kann. Mein Leben könnte kaum schöner sein – Luft nach oben ist aber trotzdem noch ;-)!

Auch wenn sich mein Koffer zu Beginn meiner Reise sehr schwer anfühlte, hat er doch merklich an Gewicht verloren. Welchen Koffer Sanne als Andalusienmutti für die Einreise nach Deutschland zu packen hat, könnt ihr am kommenden Freitag in ihrem Blog lesen.

3 Comments on Mit Depressionen in die psychiatrische Klinik

  1. Sylvia
    28. Juli 2015 at 13:29 (1 Jahr ago)

    Hallo!
    Danke für Deinen Text. Nächste Woche geht es für mich los. Deine Worte machen mit Mut.

    Grüße Sylvia

    Antworten
  2. Limalisoy
    28. Juli 2015 at 13:31 (1 Jahr ago)

    Ich wünsche dir alles Gute und ganz viel Erfolg!!!! Lass von dir hören, interessiert mich sehr.
    Alles Liebe und Gute,
    Yvonne

    Antworten

1Pingbacks & Trackbacks on Mit Depressionen in die psychiatrische Klinik

  1. […] werde ich im kommenden Monat schreiben, wenn ich im Rahmen einer Gemeinschaftsaktion meine „Reise ins Licht“ […]

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