Wie ich am besten mit meinen Kindern über Depressionen reden kann, hatte ich mir lange überlegt. Natürlich kindgerecht und dem Alter und der Situation angemessen.

Mittlerweile ist meine Große älter und reifer geworden. Sie kommt in die Pubertät und spürt den Weltschmerz mit voller Wucht – so wie ich damals. Und das beunruhigt mich wirklich. Statistisch gesehen sind nämlich Kinder depressiver Eltern besonders gefährdet, im Laufe ihres Lebens selbst psychischer Krankheiten zu entwickeln. Einfühlungsvermögen und Taktgefühl sind nun die wichtigsten Faktoren, die dabei helfen können, auch mit Heranwachsenden über Depressionen reden zu können.

über Depressionen reden. Gib Depressionen ein Gesicht

Todessehnsucht in der Pubertät

Als ich im Alter meiner ältesten Tochter war, waren rückblickend schon erste Steine der Depressionsmauer gesetzt. Morbide Themen wie Todessehnsucht, Drogensucht, Magersucht oder Borderline hatten mich im Bereich der Jugendliteratur in ihren Bann gezogen. Zu mir selbst hatte ich keinen Bezug. Ich hatte einfach kein Gefühl für das Wesen, in dessen lebendiger Hülle ich mich gefangen fühlte. Mein Leben erschien mir damals schon absurd und irgendwie nicht echt. Ich wollte per Zaubertrick erwachsen sein, um meiner Umwelt zu entfliehen. Ganz weit weg von dem, was mir ein tägliches Gefängnis erschien. Das suggerierte mir nämlich mein teils irregeleiteter, teils klarer Verstand. Je nachdem, wer in meiner jugendlichen Schaltzentrale das Kommando führte. Ich spürte, dass ich irgendwie anders als Gleichaltrige war und suchte nach einem Platz, den es für mich nicht zu geben schien.

Wenn ich nun meine Tochter vor mir sehe und merke, wie sie vorm Spiegel steht und mit sich und ihrer Welt unzufrieden ist, schrillen meine Alarmglocken. Nicht, dass ich sofort was hineininterpretiere, aber ich bin sensibilisiert. Sie hat in ihrem Leben schon einiges miterlebt und dabei Verluste erlitten. Auch meine schlimmste Phase der Depression als Erwachsene zählt dazu. Meinen Zusammenbruch erlebte sie leider hautnah. 3 Wochen später war ich dann weg. Für sie zwar nicht völlig unerreichbar, doch trotzdem nicht mehr da. Ein Verlust, der sie wie kein anderer gebrandmarkt hat und Ängste schürt. Ich muss mit ihr wieder über Depressionen reden. Nicht über das, was in meinen schlimmsten Gedanken bei ihr befürchte, sondern das, was jetzt gerade aktuell ist. Damit sich keine schwarze Klaue in ihrem Innern einnisten kann.

Ein enges Band zum Kind knüpfen

Wenn ich sie bei schlechten Phasen erlebe, suche ich sofort das Gespräch. In dem Fall bin ich eine Glucke und bohre so lange, bis sie mit der Sprache herausrückt. Denn nur wenn sie mich in ihre Welt lässt und meine Liebe darin aufnimmt, kann ich vielleicht das Gefährdungsrisiko einer eigenen psychischen Erkrankung minimieren. Immerhin ist es erwiesen, dass Kinder psychisch kranker Eltern häufig eine eigene psychische Erkrankung ausbilden. Ich will ja nun nicht den Teufel an die Wand malen, aber ich tue alles, um der Statistik ein Schnippchen zu schlagen. Dazu versuche ich erstmal, mich in sie einzufühlen und erzähle dann Geschichten aus meiner Kindheit/Jugend. Wie ich in ähnlichen Situationen umgegangen bin oder was mich selbst in ihrem Alter so beschäftigt hat.

Ich knüpfe ein enges Band und signalisiere ihr, dass sie nicht allein mit ihren Gedanken ist. Gleichzeitig mache ich ihr Mut, sich auch mit Freundinnen über ihre Gefühle zu unterhalten. Herzensmenschen braucht man schließlich in jedem Alter! Doch was das anbelangt, ist sie noch nicht so weit. Das akzeptiere ich und bitte lediglich darum, nicht immer alles in sich reinzufressen. Denn bei mir hat sich das jahrelange Funktionieren und „keine Schwächen zeigen wollen“ zu einer mächtigen schwarzen Klaue entwickelt. Ganz von allein kommen dann Fragen und schon sind wir mitten im Thema: „Mein eingesperrtes Gefühlsleben.“

Mit jüngeren Kindern über Depressionen reden

mit Kindern über Depressionen reden, Gab Depressionen ein Gesicht

Als sie noch jünger war, habe ich mit ihr nach meinem Klinikaufenthalt ein Bausteine-Haus ohne Fenster gebaut. Darin haben wir eine Figur eingesperrt. Drum herum bauten wir eine Mauer aus rot-gelb-orange-farbenen Steinen mit Fenstern und einer Tür. Die fröhliche Mauer. Das ist das, was man versucht hat nach außen zu zeigen. Doch mittendrin war da das Gefängnis aus schwarz-braunen-dunkelblauen Steinen. Durch die fröhliche Mauer konnte man gehen, durch die dunkle Mauer jedoch nicht – es war ja kein Fenster. Dort kam keine Sonne hinein. Niemand konnte zur eingesperrten Figur gelangen und die Figur war ganz allein.

Doch dann kamen ein paar Ärzte und schlugen die Mauer Stück für Stück ein. Ihr glaubt gar nicht, wozu Playmobil und Lego so gut sein können ;-). Nun kam Licht hinein und die Figur traute sich langsam ins Licht. Ganz zum Schluss bauten wir ein richtiges Haus aus allen Steinen mit Fenstern und einer Tür. Die dunklen Steine gehören immer noch zu mir, es kommt nur ganz darauf an, auf welche Seite des Hauses die Sonne scheint.

Mit einem Bilderbuch über Depressionen reden

Natürlich haben wir uns damals auch das Bilderbuch über den schwarzen Hund angeschaut, doch so richtig verstanden hat sie es erst nach dem Haus-Modell. Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen und das Bilderbuch wird mehr und mehr verständlich. Auch oder gerade wegen meiner eigenen Sorge, dass sie irgendwann einmal ähnliche depressive Phasen entwickelt wie ich selbst. Für Kinder im Grundschulalter kann es also ein gutes Medium sein, aber auch mit diesem YouTube-Clip kannst du mit Kindern dieses Alters über Depressionen reden. Immerhin basiert er auf dem entsprechenden Bilderbuch – nicht jeder hat es in seinem Bücherregal stehen.

Ein Schlüssel zu Depressionen liegt oft in der Kindheit

Mit Kindern über Depressionen reden bekommt daher nicht nur die Bedeutung des Erklären einer aktuellen Situation. Nein, das Ganze hat auch vorbeugenden Charakter. Erwiesenermaßen erleidet rund jeder Fünfte in seinem Leben an einer depressiven Phase.  Diese muss nicht zwangsläufig erkennbar sein, leichtere Phasen werden bei Betroffenen manchmal gar nicht wirklich wahrgenommen. Schlechte Tage hat ja jeder mal. Doch wenn sich diese schlechten Tage häufen oder sich solche Phasen wiederholen, sollte man gewarnt sein. Häufig gibt es Auslöser, die recht schnell zu lokalisieren sind. Doch dass solche Auslöser tiefgreifende Veränderungen nach sich ziehen, liegt meistens an Erfahrungen aus anderen, früheren Lebensumständen. Nicht selten liegt der Schlüssel dazu in der Kindheit. In Gesprächen mit anderen Betroffenen war das bei mehr als 90% der Fall – die Statistik sieht das ähnlich. Um solche Kindheitserfahrungen oder Muster, die wir in der Kindheit „trainiert“ oder „indoktriniert“ bekommen haben, sind nicht mal eben umzulernen. Eine Verhaltenstherapie ist langwierig, aber dennoch effektiv. Die Muster werden herausgefunden und schrittweise umgelenkt.

Kinder psychisch kranker Eltern

Kinder psychisch kranker Eltern haben es ohnehin nicht einfach. Sie müssen teilweise hilflos mit ansehen, was psychische Krankheiten aus den geliebten Eltern machen. Sie werden zu unnahbaren Wesen, manchmal vielleicht abschrecken und beängstigend, aber dennoch liebenswert. Oftmals entwickelt sich aus Sorge um die Eltern eine gewisse Co-Abhängigkeit. Dann fühlen sich Kinder, gerade solche im Teenie-Alter, irgendwie verantwortlich. Sie übernehmen dann Aufgaben, die ihre eigenen Grenzen weit überschreiten und zu schnell erwachsen werden. Doch das muss nicht sein. Wichtig werden dann Auszeiten aus dem belasteten Umfeld. Auch gute Bekannte der Familie, die den Kindern Zeit für Normalität schenken und Ausflüge unternehmen oder Kekse backen, sind wirklich Gold wert. Ich bin froh, dass es solche Menschen für mich und meine Kinder in meiner schlimmsten Zeit gegeben hat :-).

 

Weitere Leseempfehlungen:

In der letzten Woche habe ich bei Nora Feeling einen Gastbeitrag veröffentlichen dürfen. In Sorgenpüppchen und der Schrecken der Depression gebe ich einen weiteren Einblick in mein Leben als depressive Mama. Ich berichte dort über die Zeit, in meinevormals heile Welt ins Wanken geriet und ich den Weg in eine psychische Klinik suchte, um mir helfen zu lassen. Meiner damals sechsjährigen Tochter ging es sehr nah, so dass Sorgenpüppchen zum besonderen Symbol wurden. Bei Nora habe ich nicht nur meine persönliche Erfahrung beschrieben, sondern auch eine bebilderte Anleitung für selbstgemachte Sorgenpüppchen hinterlassen.

zusätzliche Funde aus dem Netz:

Psychische Erkrankungen – die Kinder leiden mit

So leiden die Kinder depressiver Mütter

Zu Guter letzt geht ein ganz besonderer Dank an Dirk Ludwig, der mir als Initiator des Projekts „Gib Depressionen ein Gesicht“ immer für bildhafte Unterstützung zur Seite steht und die Bilder zum heutigen Post zur Verfügung gestellt hat!

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7 comments on “Mit jüngeren und pubertären Kindern über Depressionen reden”

  1. Hallo,

    es ist sehr schön geschrieben und ich kann sehr gut verstehen was du damit meinst. Auch das mit sich alleine ausmachen und niemand ran lassen. Das kenne ich zu gut und habe das auch als Kind immer gemacht. Als Mama ist man da besonders vorsichtig, versucht sofort alles zu sehen und einzugreifen. Und doch möchte man auch nicht gleich jemand bedrängen.

    Sehr wichtig finde ich die Bindung Kind-Mama diese muss sehr stark vorhanden sein. Danke das wir an deinen Gedanken teilnehmen durften. Viele haben nicht den Mut darüber zu schreiben.

    Liebe Grüße
    Julia

  2. Hallo meine Liebe.

    Besser kann man diesen Artikel nicht schrieben. Finde ich sehr interessant. Sicherlich ist es nicht leicht, mit den Kids darüber zu sprechen. Ich kenne jetzt niemanden, der unter dieser Krankheit leidet. Und hoffe auch, dass dieses nie passieren wird. Auch nicht mit mir oder meinem Ex-Mann. Ich weiß nicht, ob ich mit meinem Kind dann darüber sprechen könnte. Bücher finde ich aber bei sowas immer ganz hilfreich

    Alles liebe

  3. Danke für deinen aufklärenden wieder sehr berührenden Beitrag. Ich denke auch, dass Offenheit zu den Kindern das A und O in dieser schweren Situation ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass Angst entsteht, wenn du siehst, dass deine Tochter ähnliche Muster entwickelt wie du. Aber die Pubertät läuft ja bei vielen so ab. Es muss nicht heißen, dass sie ebenfalls mit dieser Krankheit behaftet sein wird. Ich wünsche dir weiterhin viel Stärke und Kraft!

  4. Das Video über den schwarzen Hund finde ich wirklich sehr gut gestaltet und auch die Idee mit dem Lego-Haus finde ich für Kinder gut nachvollziehbar. Wieder mal ein sehr guter Beitrag von dir, liebe Yvonne! Kopf hoch!

    Liebe Grüße
    Jana

  5. Ein ganz toller und auch wichtiger Beitrag.
    Das Thema wird von vielen überhaupt nicht ernst genommen, was ich persönlich sehr schade finde. Gerade in der heutigen Zeit, treten Depressionen extrem häufig auf, auch ich kann davon leider ein Lied singen.
    Ich wünsche dir viel Kraft und immer daran denken, es kommen auch bessere Zeiten.

    Liebe Grüße
    Lola

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