Ein Kannkind ist hierzulande ein Kind, das im Zeitraum von Oktober bis Dezember des Einschulungsjahres Geburtstag hat und frühzeitig eingeschult werden kann, wenn es die Schulreife besitzt. Alle Kinder, die bis zum 30.09. ihr sechstes Lebensjahr vollenden, sind in jedem Fall einzuschulen. Natürlich gibt es hierbei auch begründete Ausnahmen, die einen Rückstellungsantrag erfordern.

Zu meiner Zeit war der Stichtag noch beim 30.06. des Einschulungsjahres. Da ich Ende Juli Geburtstag hatte, war ich ein Kannkind. Meine Eltern hatten damals entscheiden, dass ich als Kannkind eingeschult werden sollte. Für mich war es die richtige Entscheidung.

Nun stehen wir als Eltern vor dieser Entscheidung, denn unsere Tochter hat am 04.10. Geburtstag und ist damit ein Kannkind. Doch welche Faktoren sind für eine kluge Entscheidung wichtig?

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Schultüte der großen Schwester aus 2013

Wir haben ein Kannkind

Als meine Tochter noch im Krippenalter war, hatte ich ein Gespräch mit einer anderen Mutter. Diese meinte zu mir: „Da hat deine Tochter ja Glück gehabt, das sie erst am 04.10. Geburtstag hat. So muss sie in 2017 nicht eingeschult werden.“ Ihre eigene Tochter hat am 01.10. Geburtstag. Bis dato dachte ich, dass auch dieses Kind nicht verpflichtend eingeschult werden muss. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Denn das sechste Lebensjahr wird am 30.09. beendet. Mit dem Geburtstag am 01.10. beginnt das siebte Lebensjahr. Damit war die Kleine kein Kannkind mehr und muss eingeschult werden. Zwischen diesen drei Tagen liegen damit also bürokratische Welten… Umso mehr freuten wir Eltern uns über den Luxus, das Kind so lange wie möglich im Kindergarten belassen und die Zeit vor dem so genannten „Ernst des Lebens“ auskosten zu können.

Perspektivwechsel

Ein paar Jahre später sahen wir das Thema „Einschulung“ jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Seitdem unser Kindergarten die Trägerschaft gewechselt hat und ein städtischer Kindergarten wurde, waren wir von Streiks betroffen. Dies bedeutete, dass meine Kleine sehr häufig nicht in den Kindergarten konnte und ich nur bescheidene Betreuungsalternativen hatte. Also musste sie mich an einigen Tagen in die Schule begleiten. Daran fand sie Gefallen: Mit Mama und Schwester in der gleichen Schule zu sein und auch noch mit den „großen“ Schulkindern im Sitzkreis zu sitzen und über bestimmte Phänomene zu staunen… Nach einer Weile wurde dann der Kindergarten für sie sehr langweilig. Denn die für sie spannende Sachen durften nur die „Vorschulkinder“ beim „Vorschulprojekt“ machen.

Also beschäftigte sie sich selbst mit schulischen Eigenarten: Sie schrieb ständig Schriften ab. Dafür gab ihr die Erzieherin auch einen alten Tischkalender, der der faszinierte sie sehr. Darin wollte sie Namen und vieles mehr aufschreiben, denn Erwachsene schreiben sowas ja auch rein.

Kinder wollen Schreiben lernen, wie sich Kinder selbst das Schreiben beibringen, SchreibförderungSie freute sich auch, wenn sie irgendwo ein Schriftbild erkennen und es „vorlesen“ konnte. Ich möchte in die Schule hieß daher bereits vor genau einem Jahr ein Beitrag, der uns damals ihren eigenen Wunsch deutlich machte.

Nun standen wir wieder vor der Entscheidung, ob wir sie als Kannkind einschulen lassen oder sie im Kindergarten belassen sollten.

Entscheidungshilfen zur Einschulung bei einem Kannkind

Also überdachten wir unsere ursprüngliche Einstellung und richteten ein Blick aufs Kind. Sie wollte gern in die Schule, aber ist das auch für ihre sozial-emotionale Entwicklung gut? Immerhin kann es dann sein, dass sie ein Jahr jünger als einige ihrer zukünftigen Mitschüler ist… Mit 5 eingeschult zu werden, wenn andere bereits lange 6 Jahre als sind, ist schon bedenkenswert. In einem Jahr kann so viel geschehen! Wir wägten also gründlich ab.

Contra

  • weniger Erfahrungen im Bereich der sozialen und emotionalen Entwicklung durch frühe Einschulung
  • mögliche Überforderung durch junges Alter
  • sie könnte mit der Schule früh fertig sein, sofern sie den Schulbesuch regulär (ohne Wiederholung) durchläuft – Ich persönlich finde es nicht so gut, wenn man als junger Mensch mit der Schulzeit fertig ist und sich selbst als Person noch gar nicht richtig gefunden hat. Daher war ich große Gegnerin des Abiturs in der 12. Klasse und bin froh, dass es das in Niedersachsen nicht mehr geben wird!

Pro

  • Interesse an Schule
  • Freude an Tagen, an denen im Kindergarten „Vorschulprojekt“ stattfindet
  • Ehrgeiz und Ausdauer: Wenn sie etwas unbedingt will, probiert sie so lange rum, bis es ihr gelingt
  • Konzentrationsfähigkeit
  • körperliche Statur: Sie ist kein kleines Kind und ist körperlich sehr fit. Einen Ranzen kann sie schon sehr gut auf dem Rücken tragen.
  • gute Feinmotorik
  • Selbständigkeit
  • kann sich sprachlich gut ausdrücken
  • hält sich an Regeln

Letztendlich haben wir für die Entscheidung auch ihr Umfeld einbezogen: Ihre besten Freundinnen werden eingeschult und unsere Kleine möchte das unbedingt auch. Der Kindergarten ist ihr viel zu häufig zu langweilig.

Schulanmeldung beim Kannkind

Also meldeten wir unser Kind bereits im letzten Jahr für die Einschulung in 2017 an. Bei der Schulanmeldung schauten die zukünftigen Lehrer, ob sich unsere Tochter mit ihnen verständigen kann und machten sich Notizen. Obwohl meine Kleine sehr schüchtern ist, hat sie sich nach einiger Zeit sehr lebhaft unterhalten und war ganz erstaunt, als wir dann „fertig“ waren.

Doch damit war nur ein erster Schritt gemacht. Der zweite Schritt steht noch bevor, denn ausschlaggebend ist die Schuluntersuchung. Während ihre Freundinnen damit schon fertig sind, müssen wir noch warten. Denn um eine Schulfähigkeit richtig gut einschätzen zu können, findet die Schuluntersuchung für ein Kannkind erst im Mai statt. Da wird dann ganz genau geschaut, ob alle Vorläuferfähigkeiten für einen erfolgreichen Schulstart gegeben sind. Doch was uns schon jetzt beruhigt hat, ist das letzte Entwicklungsgespräch im Kindergarten.

Entwicklungsgespräche im Kindergarten

Im Kindergarten finden in jedem Jahr Entwicklungsgespräche statt. Da erfahren wir als Eltern beobachtete Kompetenzen, die die Erzieherrinnen im Laufe des jeweiligen Jahres beobachten konnten. In Bezug auf unsere Tochter wurden Vorläuferfähigkeiten für die Einschulung stark betont. Auch wurde uns Mut gemacht, dass sie in Bezug auf die soziale und emotionale Entwicklung bis zur Einschulung keinen Nachteil hätte. Aufgrund ihrer Hochsensibilität und der damit verbundenen Eigenarten ist das für unsere Tochter kein leichtes Brot. Wenn ihr alles zu viel wird, hat sie schon einige Eigenarten, die auffallen. Doch vieles hängt auch mit der Struktur zusammen. An vereinbarte Regeln hält sie sich vorbildlich, auch Aufgaben übernimmt sie gern – Chaos mag sie hingegen nicht. Im Kindergarten tritt das gelegentlich schon mal auf, aber auch hierbei ist ihre Toleranz besser geworden. Ansonsten ist sie beim „Vorschulprojekt“ sehr eifrig dabei und hat immer mehr Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. So hat sie in den letzten 2 Wochen sogar den Morgen- und den Mittagskreis angeleitet. Seit Januar dürfen das nämlich die Kinder machen…

Der einzige Wermutstropfen

Doch auch wenn sie sich nun sehr auf die Einschulung freut und sogar schon einen tollen Schulranzen bekommen hat, gibt es einen kleinen Wermutstropfen.

Kannkind, Einschulung 2017, ergobag Pack SchulranzenDa wir ein Haus bauen, steht nach Ostern ein Umzug in einen anderen Ort an. Bei 10 km Entfernung ändert sich logischerweise auch der zuständige Schulbezirk. Für unsere Kleine heißt das, dass sie ohne ihre Freundinnen eingeschult wird. Doch auch dieses Problem werden wir noch lösen. ich habe da schon eine Ideen, um Kontakt zu zukünftigen Mitschülern anzubahnen. Doch darüber werde ich vielleicht an anderer Stelle schreiben.

 

Wie würdet ihr eine solche Entscheidung fällen? Gibt es noch andere Gründe für oder gegen eine Einschulung als Kannkind?

Ich freue mich auf eure Kommentare…

 

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16 comments on “Soll ich mein Kannkind bald einschulen?”

  1. Huhu…
    Sehr interessant.
    Mein Kleiner hat Anfang September und wird in diesem Jahr 6. Er geht auch 2017 in die Schule.
    Wie und wann wir uns dafür anmelden müssen, wissen wir bislang noch gar nicht und vertrauen da ganz und gar der Kita, die uns darüber hoffentlich informiert.
    Danke für die Aufklärung.
    Alles liebe

  2. Ein sehr interessanter Artikel. Bei uns in der Schweiz läuft das ein bisschen anders und unser Stichtag ist im Juni.
    Fand es daher spannend mal zu erfahren wie das so in einem anderen Land läuft.
    Alles Liebe Lena

  3. Ich war selbst ein Kannkind (Ende Oktober geboren) und habe mit 18 Abitur gemacht, ich wollte UNBEDINGT die die Schule. Mein Sohn wollte auch unbedingt, konnte bereits lesen und rechnen wie ein Drittklässler war im Kindergarten überhaupt nicht mehr glücklich und nur gelangweilt. Im Gegensatz zu mir war er aber sehr klein und ist auch erst im Dezember geboren. Ich habe ihn dennoch eingeschult. Die erste Klassenlehrerin hat ihn schrecklich gemobbt, weil er in ihren Augen die falschen Fragen stellte und so die Klasse „verwirrte“, wie sie meinte. In die private, kirchliche Grundschule umschulen ging nicht, die nehmen keine Kannkinder. Am Ende blieb nur das Springen von der zweiten in die vierte. Mein Sohn kam also mit 8 aufs Gymnasium, hat dies aber alle, obwohl immer noch körperlich sehr klein, sehr gut und selbständig bewältigt. Letztendlich hat er mit 17 Abitur gemacht (ein mäßiges) und war natürlich mit der Entscheidung für den richtigen Studiengang noch überfordert. Er hat erst einen Bachelor in Lehramt gemacht, den Master angefangen , aber dann umgesattelt und studiert heute Informationstechnologie. Nun gehört er mit 24 zu den eher älteren in seinem Semester, aber er hat die Zeit gebraucht und immerhin schon einen anderen Bachelor. Das frühe Einschulen hat Probleme mit sich gebracht, aber ich glaube die Probleme wären größer gewesen, hätten wir es nicht gemacht. Er hatte schon so in der ersten Klasse keine Lust mehr und war unterfordert, daher hat er sich nie wirklich in seiner Schullaufbahn angestrengt. Sein bestes und rundum glücklichstes Schuljahr war das nach dem Springen. Man muss die Entscheidung sehr vom Kind und vom eigenen Bauchgefühl abhängig machen. Erzieher und Lehrer sind meist gegen das frühe Einschulen, zumindest nach meiner Erfahrung. Aus meinem Sohn ist jedenfalls ein selbstbewusst, glücklicher junger Mann geworden, mit riesigem Freundeskreis, ein richtiger Socialiser, was kann man sich mehr wünschen? Ich denke, viel auf den Bauch hören hilft – und niemand kennt das eigene Kind besser als man selbst.

    LG
    Chris

    • Danke für den ausführlichen Kommentar! Ich finde es auch blöd, wenn Kinder mit 17 lebensentscheidende Entscheidungen treffen müssen. Da meine Tochter unbedingt möchte und die Unterforderung im Kindergarten spürbar ist, schauen wir mal, was in den kommenden Schuljahren passiert. Unser Wunsch wäre ohnehin ein Auslandsjahr nach dem Schulabschluss – ein Jahr einfach mal andere Erfahrungen sammeln und dann evtl. eine berufliche Entscheidung mit anderem Hintergrundwissen/Lebenserfahrung viel bewusster treffen können. Aber bis dahin ist noch viel Zeit und dann kann das Kind wesentlich mehr mitentscheiden!
      Liebe Grüße,
      Yvonne

  4. Diese Frage musste ich mir letztea Jahr auch stellen und habe mich dagegen entschieden. Da mein Sohn mir nicht nur sagte, er möchte nich nicht, sondern mir auch zeigte, dass er besser noch 1 Jahr im Kindergarten bleibt.
    Nicht zuletzt weil ich selbst ein Kann Kind war und unbedingt in die Schule wollte, es hat mir zwar nicht geschadet, aber heute weiß ich, dass ein weiteres Kindergartenjahr sehr wichtig sein kann.
    Allerdings ist hier im Saarland Stichtag der 31.07, wusste gar nicht, dass es da solche unterschiede gibt.

    Liebe Grüße
    Tashi

  5. Wir haben hier derzeit das entgegengesetzte Thema: die Rückstellung. Aber die Gedanken sind die Gleichen.
    Unser Bub wird im August 6 und müsste somit eigentlich ab September in die Schule. Aber er zeigt NULL Interesse. Auch jammert er wohl in der Vorschule (ist ja eh nur einmal die Woche), dass ihm das zu anstrengend ist. Es ist nicht so, dass er nicht sitzen bleiben kann, oder sich nicht auf eine Sache konzentrieren kann. Er will auch immer wissen, wie man dies und jenes schreibt und auch die Uhr ist gerade wahnsinnig interessant. Aber wenn man ihn auf die Schule anspricht, kommt nur ein Schulterzucken. Es juckt ihn nicht. Er hat da schlichtweg keine Lust drauf.
    Tue ich ihm dann wirklich was Gutes, wenn ich ihn jetzt schon in die Schule stecke? Wir haben im Ort einen Schulkindergarten speziell für die Rücksteller. Vllt. würde ihm das nochmal gut tun?
    Ich vertraue jetzt mal auf die Meinung der Lehrerin, die diesen Monat in den Kindergarten kommt, um sich die Vorschulkinder anzuschauen.
    LG, Tina

    • Das sind sehr umfangreiche Gedanken und auf den ersten Blick würde ich an deiner Stelle auch erstmal über eine Rückstellung nachdenken. Allerdings passiert ja auch noch jede Menge in einem halben Jahr, so dass sich die Lust auf Schule doch noch einstellt. Freude ist zwar ein wichtiger Faktor für einen erfolgreichen Schulbesuch, für eine Rückstellung reicht das jedoch nicht aus. Die Hinweise auf noch nicht ausreichende Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit sind diesbezüglich eher ausschlaggegebn. Ich drücke dir die Daumen, dass du gemeinsam mit der beratenden Lehrerin eine gute Entscheidung treffen kannst, die alle Parteien zufrieden stellt.
      Alles Gute,
      Yvonne

  6. Ein sehr toller Artikel. Und bei uns habe ich mich mit was ähnlichem beschäftigt.Er war kein kannkind. Hat im März Geburtstag und wurde mit 6 1/2 eingeschult.
    Bei uns stand eher die Frage im Raum ob er bereits mit 5 1/2 eingeschult werden sollte. Weil er sichtlich unterfordert im Kindergarten und man ihm anmerkte wie es ihn nervte. Er war schon immer sehr schlau und zeigte dies auch. Bis sich her raus stellte das er hochbegabt sei. Hätte ich nie für möglich gehalten.
    Da er aber im Sozialenbereich eher auffällig haben wir uns dann doch entschieden ihn regulär einschulen zulassen und ihn neben dem Kiga weiter zufördern.
    Er hat seit er 4 ist Englisch nebenbei gehabt und noch anderes. Jetzt ist er seit letztem Jahr in der Schule und dort sehr glücklich obwohl er gerne schon eher dort gewesen wäre. Aber für uns war es die richtige Entscheidung

    • Danke für deinen Kommentar. Es ist häufig so, dass hochbegabte oder teilbegabte Kinder kleinere Defizite im sozial-emotionalen Bereich haben. Das beobachte ich als Lehrerin auch häufiger. Viele Grüße, Yvonne

  7. Hallo Yvonne,

    ich persönlich finde diese „Kannkind“-Geschichte zu viel diskutiert. Grundsätzlich ist es so, wie Du es erfahren hast, die Zeit wird es zeigen. Man kann es natürlich schon ab Geburt des Kindes ausdiskutieren. Aber im Endeffekt zeigt sich doch erst knapp 1 Jahr vorher, manchmal auch ein halbes Jahr, wie Fit oder Interessiert das Kind ist.
    Ich bin übrigens begeistert über die „Schreibübungen“ Deiner Lütschen.
    Was ich allerdings für sehr wichtig erachte, sind Deine Pro und Contra Listen.
    Liebe Grüße,
    Claudia

    • Guten Morgen liebe Claudia,
      danke für deine Zeilen! ich bin mir sicher, für die Kleine haben wir richtig entscheiden und auch bei der Schuluntersuchung im Mai wird sich zeigen, dass sie schulreif ist. Aber bei großer Schwester und Lehrerin als Mutter war das schon ein wenig vorhersehbar…
      Ganz liebe Grüße,
      Yvonne

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