Ich glaube, dass jedem von euch klar ist, was mit einer Pflanze passiert, die nicht mehr gepflegt wird – sie verkümmert und geht irgendwann komplett ein.

Nur möchte ich hier nicht über Pflanzen schreiben, sondern euch einen Einblick in

ein Buch geben, das mich sehr berührt hat. Ein Buch, in dem es vordergründig um die Auswirkungen mangelnder Liebe durch Vaterentbehrung geht, jedoch zunehmend offenbart, welche Weichen für ein Kind in Bezug auf die Herausbildung einer soliden Persönlichkeitsentwicklung bereits in jungen Jahren gestellt werden müssen.

VaterentbehrungAls die Autorin Jeannette Hagen einen Rezensionsaufruf gestartet hat, war ich schon sehr interessiert. Sie schreibt sehr persönlich über das, was die eigene Vaterentbehrung mit ihr gemacht hat. Was es für sie bedeutete, das ungewollte Kind zu sein und wie ihre Sehnsucht nach Anerkennung oder Wohlwollen des Vaters mit jedem Jahr mehr wurde.

Ihre eigenen Erfahrungen hat sie mit umfangreichen Recherchen zu einer Mischung aus Sach- und Ratgeberbuch angereichert und damit einen besonderen Nerv getroffen. „Die verletzte Tochter – Wie Vaterentbehrung das Leben prägt“ stellt unterschiedliche Varianten der Vaterentbehrung dar und zeigt eine Bandbreite, die durchaus auch auf andere familiäre Zusammenhänge übertragen werden kann.

Es gibt keinen Zauberschlüssel. Es gibt nur Wege, die Türen öffnen, um alles in einem freundlicheren Licht erscheinen zu lassen. Begangenes können wir nicht ändern. Nur das JETZT.

Das verletzte Kind

Ein Kind, das sich nicht angenommen fühlt, dem es an emotionaler Wärme fehlt, an Zuwendung und Aufmerksamkeit verkümmert wie die eingangs geschilderte Pflanze, die nicht gegossen wird. Auch wenn es eine Bezugsperson hat, die versucht, all das Entbehrte aufzuwiegen, so bleibt eine große Lücke. Ein großes Fragezeichen, das mit Antworten gefüllt werden will. Ein Kind, dem ein Teil seiner angeborenen Identität fehlt, wird irgendwann den Wunsch nach Vollständigkeit verspüren. Sei es ein Kind, das vom Vater verstoßen wurde, ein ungewolltes Kind, ein adoptiertes Kind oder eine Halbwaise – etwas fehlt und kann nicht vom Kind kennengelernt, befragt und geliebt werden. Es entwickelt eine Sehnsucht nach einem Teil von sich, der nicht greifbar ist. Ein Loch entsteht und wird mit der Bewertung der Situation  eine individuelle Größe erhalten. Nicht selten übertragen sich Frustrationen eines alleinerziehenden Elternteils auf das Kind, das so ein einseitiges Bild des fehlenden Elternteils erhält. Nicht gerade fair, oder? Zumal Kinder eine andere Denkweise haben und meistens sehr wörtlich mit Informationen umgehen. Es kann nun mal Dinge nicht aus Elternsicht erfassen, ordnet es irgendwie in seine Welt ein und wird damit geprägt. Eine große oder kleine Wunde, die nicht wirklich heilt und in Verbindung mit eigenen Krisen wächst. Im schlechtesten Fall trägt es die Schuldfrage mit sich herum und zweifelt an sich selbst: „Ich bin schuld daran, dass ich abgelehnt wurde.“ – Der kleine Stachel unter der Haut sitzt und fängt immer wieder an zu piksen…

Die Autorin wünscht sich, dass dem Leser ein Verständnis für die vielen Facetten der Vaterentbehrung und dessen Auswirkung auf das Leben der betroffenen Kinder erwächst, damit Kinderseelen auch bei unglücklicheren Lebensumständen nicht unnötig leiden müssen und sie für ihr späteres Leben keine schwere Last zu tragen haben.

[…] jedes verlassene Kind ist ein verletztes Kind. Dem was war, hilflos ausgeliefert.

Kinder lieben bedingungslos. Selbst wenn sie verletzt und abgelehnt werden.

Urvertrauen

Die Bindung, die das Kind von Beginn an an seine Eltern hat, steht stellvertretend für das Urvertrauen, das das Kind benötigt um sich in der Welt zu orientieren. Ein starkes Urvertrauen resultiert aus einer glücklichen und nahezu unbeschwerten Kindheit, in der Liebe und das Gefühl bedingungslos angenommen zu werden die Basis für das Aufwachsen bilden. Jedoch ist es für die Entwicklung des Kindes sehr bedeutend, von beiden Elternteilen gleichermaßen lernen zu können, um eigene Wege zu gehen. Im Buch geht es vornehmlich um die Tochter, die von einer guten Beziehung zum Vater dermaßen profitiert, dass sich daraus ein gutes und gesundes Selbstbewusstsein entwickeln kann.

Das väterliche Vertrauen in ihre Fähigkeiten macht Mädchen stark.

Um diese Aussage auch wissenschaftlich zu untermauern, führt die Autorin Ergebnisse einer Literaturstudie auf, die erweisen konnte, dass besonders erfolgreiche Frauen einen prägenden Vater hatten, der mit ihnen gerauft, Ausflüge unternommen und auch Leistungen der Mädchen entsprechend wertgeschätzt habe. Kleine Dinge, die für viele Väter schon selbstverständlich sind und manchen Vätern so abwegig erscheinen wie das regelmäßige Zahlen von Unterhalt. In diesem Punkt bin ich unglaublich froh, dass meine beiden Mädels mit ihrem Papa durchaus toben, sich etwas trauen oder auch Dinge unternehmen, zu denen ich persönlich keine Lust habe. Denn auch in getrennten Elternbeziehungen kann immer auch gemeinsam für das Kind agiert werden. Es bedarf nur klarer Absprachen und ein gemeinsames Ziel, bei dem das Kind und nicht die persönlichen Bedürfnisse im Fokus stehen. Das ist nicht immer einfach und kann auch durchaus mit hitzigen Diskussionen einher gehen, eine zukunftsweisende Arbeit an einer Einheit als Eltern – eine Einheit, die man zweifelsohne ein Leben lang aus Sicht des Kindes miteinander eingeht – ist absolut erstrebenswert.

Verarbeitung der Vaterentbehrung

Für die Verarbeitung der Vaterentbehrung sind viele Faktoren entscheidend. Sie sind ebenso unterschiedlich wie Gründe für die Vaterentbehrung variieren. Im Fall getrennt lebender Eltern ist neben dem Lebensumfeld des Kindes und anderen Erfahrungen besonders entscheidend, wie in Gegenwart des Kindes über den fehlenden Vater gesprochen wird. Doch da Kinder sehr feine Antennen haben und auch intuitiv spüren wenn Worte nicht mit Empfindungen im Gleichklang stehen, empfangen sie gegebenenfalls negative Schwingungen, die sie dann wiederum in ihre Welt einordnen müssen. So entstehende Irritationen können dafür sorgen, dass das Kind an seiner eigenen Wahrnehmung zweifelt und ein Verlust an Selbstvertrauen erleidet.

Ein anderer Fall ist es, wenn ein Vater verstorben ist und auf eine Art Podest gehoben wird, so dass eine Idealfigur entsteht, der niemand im späteren Leben das Wasser reichen kann. Die so vorgenommene Idealisierung eines Männerbildes kann für eine spätere Partnerwahl recht ungünstig sein und die Suche nach Mr. Right erschweren.

Immer ist aber auch zu berücksichtigen, in welchem Alter der Verlust des Vaters eintrat. Wächst das Kind von Beginn an ohne Vater auf, werden andere Faktoren für das Heranwachsen prägend sein als wenn ein Kind den Vaterverlust in einem Alter erlebt, in dem es die Trennung bewusst verarbeiten muss. Spuren hinterlässt die Vaterentbehrung allemal, wobei nicht jede Spur zum Problem werden muss.

Viele Probleme lassen sich klären, wenn man der Spur folgt. […]

Mit diesen Worten macht sie Mut, eine Auseinandersetzung mit den Entbehrungen auch nach Jahren noch anzustreben, denn sie sieht es als lebenslangen Prozess und macht deutlich, dass durch die eigene Reifung manches einfacher einzubinden ist.

[…] Manche Schatten zeigen sich erst, wenn das Licht in einem ganz bestimmten Winkel einfällt.

Die Autorin nimmt in dieser Hinsicht Bezug auf ihre eigene Verarbeitung der Vaterentbehrung und schildert ausdrucksvoll einzelne Etappen auf diesem Weg. Bedingt durch einen eigenen Zusammenbruch hat sie damit begonnen, ihre Erlebnisse in einem geschützten Rahmen aufzuarbeiten, ihren Vater zu suchen und zur Rede zu stellen.

Während sie dies schildert, leidet der Leser fast mit und kann sich die erzählten Szenen bildlich vorstellen. Doch gerade diese Verknüpfung macht das Buch so lesenswert!

Immer wieder habe ich inne gehalten und über eigene Erfahrungen nachgedacht. Obwohl ich meinen Vater nicht entbehren musste, gab es doch sehr viele Parallelen anderer Art, die mir bis dato nicht bewusst waren. Ein klares Licht ging mir auf, als Jeannette Hagen über den möglichen Erfolgsdurst schrieb, der auch durch mangelnde Liebe in der Kindheit, Entbehrungen oder nicht geschenkter Aufmerksamkeit hervorgerufen werden kann.

Erfolg kann keine Lücke schließen, die durch Entbehrungen irgendwann in der Kindheit entstanden ist.

Auch in Bezug auf meine Situation als Alleinerziehende und der Verantwortung als Teil eines Eltern-Teams waren mir viele Aspekte der gemeinsamen Verantwortung für meine Mädels bewusst, sind aber durch die Lektüre dieses Buches noch deutlicher geworden. So kann ich nun meinen Blick nun auf meine eigene Biografie richten, meine Erfahrungen einordnen und die richtigen Schlüsse für die Zukunft meiner Kinder ziehen. Mir wird nicht immer alles gelingen, doch das ist auch nicht der Punkt. Viel wichtiger ist das Bewusstsein über die Verantwortung, die ich als Elternteil für die Zukunft meiner Kinder trage. Denn genau jetzt werden ihre Weichen gestellt.

Das Buch, auf das ich mich in diesem Beitrag beziehe, ist unter dem Titel Die verletzte Tochter – Wie Vaterentbehrung unser Leben prägt im Scorpio Verlag erschienen.

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2 comments on “Was mangelnde Liebe anrichten kann => Vaterentbehrung”

  1. Hui hui hui…das Buch klingt nach einer harten Nummer…hat aber irgendwie auch etwas faszinierendes an sich, weshalb es sich lohnen würde einen Blick hinein zu werden. Allein das Thema ist tatsächlich schon interessant, vor allem weil man es aus der Sicht eines anderen wahrnehmen kann.

    lg Janine

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