Eine Angststörung kann sich vielfach zeigen, manchmal aber bleibt sie tief im Verborgenen. Psychisch kranke Menschen gehen nicht häufig offen mit ihrer Krankheit um. Zu groß ist die Angst, vor anderen mit einem Makel dazustehen und sich im Sozialgefüge zu verlieren. Sehr oft reißen sich Betroffene extrem zusammen und spielen für kurze Augenblicke eine Show. Bei mir und einigen Bekannten, die ebenfalls mit Depressionen zu kämpfen haben/hatten, war das so. Für Menschen mit einer Angststörung ist diese kurzzeitige „Zusammenreißen“ eher selten möglich. Denn sehr oft beziehen sich die Ängste auf soziale Situationen. So wie bei meinem heutigen Bloggast.

Leben mit einer Angststörung

„Freya“ bezeichnet sich gern als „Plaudertasche“ und schreibt sich im gleichnamigen Blog ihre Gedanken von der Seele. Auch wenn sie mit dem öffentlichen Umgang ihrer Angststörung zunächst gehadert hat, freue ich mich sehr, sie eben genau dafür gewonnen zu haben. Nachdem ich euch in der letzten Woche schon einen wundervollen Gastbeitrag zur Wertschätzung depressiv erkrankter Menschen vorstellen durfte, freue ich mich heute sehr auf einen Erfahrungsbericht über das Leben mit einer Angststörung. Für mich ist das nicht gänzlich fremd, denn vor jeder Prüfung oder anderen wichtigen Gelegenheit, habe ich auch Angst. Ich kann nur schlecht schlafen, mir dreht sich der Magen um und ich fange an zu schwitzen (obwohl ich in den Momenten eher friere). Aber es ist nie so schlimm, dass es mich lähmt. Ich ziehe das dann irgendwie durch und überwinde meine Versagensängste. Doch wie sich die Angst tatsächlich so auswirkt, dass nichts mehr geht, kann ich nur vermuten.

Mein Leben mit der Angst

Ich bin noch ziemlich neu unter den Bloggern und eine der ersten Bloggerinnen, die ich kennengelernt habe, ist Yvonne. Wir haben einige Gemeinsamkeiten – nicht nur in Bezug auf das Seelenleben – und ich lese ihren Blog sehr gerne. Heute darf ich bei ihr zu Gast sein, was mich natürlich sehr freut und mir eine absolute Ehre ist. In meinem Blog schreibe ich über meine Familie, unsere Hobbys, Rezepte, Gewinnspiele, aber auch über mein Leben mit allen guten und schlechten Zeiten. Seit Kurzem auch über mein Leben mit der Angst, von dem ihr heute einen Ausschnitt lesen könnt.

Leben mit einer Angststörung, Bloggerin, Die Plaudertasche
© Die Plaudertasche

Die Angststörung nimmt Lebensqualität

Du fragst dich vielleicht, was daran so Besonders ist? Angst vor Spinnen, Höhenangst, Prüfungsangst, Platzangst oder ähnliche Ängste kennt wohl jeder von uns. Das sind auch normale Reaktionen des Körpers, die früher sehr wichtig zum Überleben waren. Es wäre vielleicht nicht gut gewesen, sich furchtlos vor ein Mammut zu stellen. Bei mir ist das noch viel extremer, denn ich leide an einer Angststörung.

Zurzeit bin ich auf dem Weg der Besserung, aber die letzten Jahre waren wirklich sehr hart. Ich denke mir oft, es ist geklaute Lebenszeit. Ein richtiger Verlust der Lebensqualität!

Früher habe ich meine Krankheit geheim gehalten. Ich wollte nicht, dass meine Familie und meine Freunde denken, ich spinne. Ich wusste eigentlich selbst nicht so genau, was mit mir los ist. Mein Mann war der einzige Vertraute, der davon wusste und mich nach Leibeskräften unterstützt hat. Ich bin sehr dankbar dafür, dass er in der schweren Zeit immer für mich da war. Er hat sogar seine Arbeitszeit reduziert, um mehr Zeit für die Termine der Kinder zu haben. Sein Rückhalt ist mit Gold nicht aufzuwiegen!

Wie die Angst einen Platz in meinem Leben einnahm…

Es fing eigentlich damit an, dass ich immer plötzlich schwer krank wurde, wenn irgendwelche Termine anstanden. So war ich auch auf keinem Geburtstag mehr. Die Freunde dachten alle schon, ich mag sie nicht mehr, weil überall mein Mann alleine aufgetaucht ist. Ich blieb allein zu Hause. Innerlich habe ich mich tierisch darüber geärgert, denn sonst war ich eine unternehmungslustige und offene Frau. Dann kam der Wandel und plötzlich wollte ich einfach gar nicht mehr raus.

Und dann wirst du fremdgesteuert – wie der Körper bei Angst reagiert

Der Höhepunkt war dann der Abend der Weihnachtsfeier meines Mannes. Er war weg und ich mit den Kindern alleine. Auf einmal ging es mir immer schlechter. Die Kinder schliefen friedlich in ihren Betten während sich mein Körper auf den Angriff mit dem Säbelzahntiger rüstete. Mein Herz schlug wie verrückt. Ich habe meinen Blutdruck gemessen und der war viel zu hoch. Das machte mich noch nervöser.

Ich war ewig nicht mehr beim Arzt, weil ich damit ja offen über mein Problem reden müsste. Das war für mich zu diesem Zeitpunkt völlig undenkbar.

An diesem Abend bin ich dann erstmal nervös hin und her gelaufen. Wie ein Tiger wechselte ich die Richtung und wusste nicht was ich tun soll. Schließlich habe ich dann meinen Mann angerufen. Glücklicherweise war er ohnehin schon auf dem Heimweg und bald da. Nach dem Telefonat geschah etwas Merkwürdiges. Anstatt beruhigt zu sein, reagierte mein Körper nur noch heftiger. Auf einmal konnte ich nicht mehr richtig laufen und mir wurde ziemlich übel. Was sollte ich tun? Der Mann war ja unterwegs… Ich war so unsicher, wusste aber, dass ich es nicht länger aushalten kann. Also habe ich den Notruf gewählt. Ich wusste nicht recht, was ich eigentlich sagen sollte und verharmloste vielleicht ein wenig zu sehr. Die müssen schon gedacht haben ich spinne, denn ich wollte ja keinen Notarzt sondern nur jemanden, der nach mir schaut. Auf keinen Fall wollte ich ins Krankenhaus!

Angststörung oder Herzinfarkt?

Doch die körperlichen Symptome der Angststörung wurden noch schlimmer. Kurz darauf fiel mir auch das Atmen schwerer. Es nützte nichts, ich brauchte doch einen Arzt. Also rief ich nochmal den Notruf an und bat dieses Mal doch um einen Arzt. Fast zeitgleich kam auch mein Mann. Ich fühlte mich allein durch seine Anwesenheit schon etwas besser, aber der Notarzt gab mir zusätzlich Betablocker. Langsam ging es mir wieder besser. Das zeigte sich vor allen Dingen dadurch, dass ich mit dem Diskutieren begann. Die Kraft für hitzige Debatten, um auf keinen Fall ins Krankenhaus zu müssen, war also wieder da :-). Der Arzt fand das allerdings alles andere als witzig und vermutete einen Herzinfarkt als Auslöser für all meine Symptome. Tja, bei sowas hielt auch mein bestes Argument nichts stand. Also wurde ich ruhig gestellt und mitgenommen. Mein armer Mann hat sich solche Sorgen um mich gemacht, dass er vor mir in der Notaufnahme war. Er ist dann die ganze Nacht bei mir geblieben, weil ich nicht alleine sein wollte. Zum Glück stellte sich am nächsten Tag aber raus, dass es „nur“ eine Panikattacke war. Ich durfte auf eigenen Wunsch gehen.

 Angst mit Hypnose in den Griff bekommen

Danach ging lange Jahre sehr schlecht, ich konnte das Haus kaum verlassen und an Urlaub war gar nicht zu denken. Erst eine Hypnosetherapie hat die Wende gebracht. Seit der Hypnose habe ich wieder Kraft, um gegen die Anststörung zu kämpfen und alltägliche (normale) Gelegenheiten angstfrei zu üben.

langer Weg gegen die Angst, Leben mit Angststörung
© Die Plaudertasche

Natürlich gibt es immer mal schlechte Tage und dann wieder besonders gute. Die nächtlichen Angst- oder Panikattacken sind aber ein Glück so gut wie weg. Diese haben mir immer sehr viel Kraft geraubt und man konnte mich am nächsten Tag komplett abschreiben. Zusätzlich zu Medikamenten und Hypnose, habe ich mir noch eine Atemtechnik angeeignet, die mir sehr gut hilft, wenn die Angst doch mal wieder hochkommen will. Es läuft natürlich noch lange nicht perfekt und ich denke Rückschläge wird es immer geben. Aber ich bin glücklich, über das was ich schon geschafft habe.

Ablenkung gegen Angst

Um mich von meiner Angst nicht wieder so einschränken zu lassen, versuche ich möglichst positiv zu denken und dazu viele positive Erlebnisse in meinem Kopf abzuspeichern. Das hilft mir wirklich sehr! Sachen die mich belasten, lasse ich nicht mehr nah an mich heran. Ich verbringe sehr viel Zeit mit Familie und Freunden und arbeite an meiner verloren gegangenen Unternehmungslust. Auch wenn manchmal der innere Schweinehund einen etwas größeren Tritt braucht, unternehme ich doch sehr viel. Ich denke, ich bin auf einem guten Weg. Ganz besonders deswegen, weil ich weiß, dass ich mit der Angststörung nicht alleine bin. Mein Kampf gegen mein Problem ist nicht aussichtslos!

Ab und zu habe ich zwar noch Zeiten, in denen ich richtig depressiv bin. Aber auch dann versuche ich, etwas zu finden, dass mir Spaß macht. Zum Beispiel habe ich mir neue Hobbys gesucht, mache viel ehrenamtlich und freue mich, wenn ich anderen helfen kann. Zur Zeit hilft mir das Schreiben über mein Leben, meine Gefühle und die Angst sehr weiter. Dafür ist mein Blog genau das Richtige – gerade auch deswegen, weil ich dadurch mit Menschen in Kontakt komme, die ähnliche Gedanken und Interessen haben. Der Austausch mit meinen Lesern macht mir Mut, mich weiter zu öffnen und den schönen Dingen im Leben mehr Raum als der Angst zu geben! Vielleicht darf ich auch mit dir in Kontakt treten, wenn du mich auf meiner Seite besuchen kommst. Ich freue mich auf dich!

Freya

Von Bloggerin zu Bloggerin

Liebe Freya,

ich freue mich so sehr, dass du mir und meinen Lesern einen so privaten Einblick in dein Leben mit der Angst gegeben hast. Obwohl ich dich bislang noch nicht getroffen habe, habe ich fast das Gefühl, dich ein stückweit zu kennen. Mit deinen ersten Beiträgen hast du mich bereits abgeholt. In deinem Beitrag zum Missbrauch in der Kindheit hast du mich zum Weinen gebracht und auch dein eigener Beitrag zum Kampf gegen die Angst hat mich als „Campinghase“ total begeistert. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon locker über diesen Gastbeitrag gesprochen und ich hatte das Gefühl, du fühlst dich durch den offenen Umgang bestärkt. Ich danke dir sehr, durch deinen Gastbeitrag auch einen Erfahrungsbericht zum Thema Angststörung in meinen Blog integrieren zu können, denn das ist eine große Bereicherung!

#Wirsindviele

#Wirsindviele ist nicht nur ein Hashtag, der in den sozialen Medien stark macht und über psychische Krankheiten aufklärt. Es geht vordergründig darum, sich gemeinsam stark zu machen. Hilfesuchende bekommen somit eine Fülle von Beiträgen und Erfahrungswerte, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Eine gute und wichtige Sache!

 

 

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7 comments on “Wie die Angststörung das Leben lähmt”

  1. Was für ein grandioser Post!
    Über Angststörungen sollte schon allein deswegen mehr gesprochen werden, damit die Leute wissen, was ihnen geschieht, wenn es zur Panikattacke kommt.
    Ich finde es sehr interessant, mal von einer betroffenen Person etwas über dieses Thema zu hören und nicht nur von Psychologie Professoren und Wikipedia.
    Vielen Dank hierfür!

  2. Ich hatte selbst einmal eine leichte Panikattacke und kann mir gar nicht vorstellen, was du da durchgemacht hast. Hört sich wirklich heftig an! Toll wie stark du bist und ich finde es auch gut solche Themen so offen anzusprechen.

  3. Ich bin beeindruckt wie genau du die Situation die auch ich kenne beschreibst. Mit solchen atacken bin ich auch schon 2 x mit notarzt wagen ins Krankenhaus gekommen. Aber ich konnte auch wieder etwas für mich dabei heraus ziehen. Das meiden von Dingen die mich runter ziehen ubd traurig machen. Seit dem ich diese angststörung habe belasten mich z.b. tierquälereien auf der ganzen welt. Und ich leide richtig darunter. Mein mann sagt immer. Schau dir diese dinge nicht an, du kannst es doch eh nicht ändern. Aber ich spendete unmengen von summen um jedem tier in notsituationen helfen zu wollen. Ich steigerte mich so sehr in deren elend hinein das ich dachte oder teilweise noch denke, dieses leid selber zu spüren. Diese Auswegslosigkeit der tiere in vielen ländern beschäftigte mich tag und nacht. Ich las jeden grausamen bericht auch auf facebook und kommentierte mit bösen worten diese dinge. Als könnte ich damit die welt ändern. Ich träumte davon, ja hörte die armen Wesen schreien. Ich versuche mich heute davon weitgehendst zu distanzieren. Was mir nicht immer gelingt. Ich bekomme ängste, panik und schreckliche innere gefühle bei diesen berichten oder wenn nur jemand davon erzählt. Diese ängste sind natürlich auf vielen gebieten vorhanden. Und das Leben ist stark eingeschränkt. Das mit den tieren ist nur ein Beispiel. Ich habe schon viele Psychotherapien hinter mir, war 10 Wochen in einer tagesklinik. Aber der weg damit zu leben ist lang und oft überkommt mich dann eine Depression. Danke für deinen bericht. Man ist nicht allein

    • Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Nein, wir sind viele – du bist nicht allein. Es werden auch immer mehr, die darüber reden! Niemand muss sich schönen – nur diejenigen, die uns einreden wollen, dass wir nicht richtig sind!
      Ich wünsche dir viel Kraft bei all deinen Wegen!

  4. Hallo und danke für diesen ehrlichen Beitrag, er spiegelt sehr viel meiner eigenen Situation wieder😮 denn auch ich leide an Panikattaken und Anhststörrungen😊 auch ich war mit Verdacht auf Herzinfarkt im Krankenhaus 😮ich mache eine Gesprächstherapie und nehme Tabletten, leider verändert diese Krankheit auch mich als Persönlichkeit, manchmal erkenne ich mich selbst nicht mehr 😉 danke

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