Wie du als betroffene Person über Depressionen reden kannst, hast du vielleicht schon herausgefunden. Vielleicht bist du aber noch nicht bereit, darüber offen zu reden und hältst eine Fassade aufrecht. Dadurch wissen viele Menschen des Umfelds gar nichts von dieser heimtückischen Krankheit. Manchmal werden sie von der Offenbarung genauso überrollt, wie die Erkrankten von der Erkrankung… So wie in meinem sehr persönlichen Beitrag, in dem alle Karten auf den Tisch gelegt werden, um über Depressionen reden zu können wie über einen Knochenbruch. Ganz normal eben…

Besuch in einer psychiatrischen Klinik

„Wo soll ich dich besuchen? Aha, ok. Ja dann komme ich mal morgen!“

Etwas verwundert lege ich auf und freue mich, meine Freundin morgen zu sehen. Komischer Ort, aber egal. Ich freue mich schon auf den gemeinsamen Kaffee und ein kurzweiliges Gespräch. Wir haben uns ja etwas länger nicht gesehen…

Am nächsten Morgen setze ich mich ins Auto und fahre zur angegebenen Adresse. Hmm, hier kann es nicht sein. Muss wohl doch woanders sein. Nein, hier ist es auch nicht. Ich greife zum Telefon und rufe sie an.

„Hi. Bin gleich da. Aber wo ist denn das genau?“ – „Du warst schon richtig. Ich habe dich aus dem Fenster schon gesehen. Du musst nur wieder zurückkommen und parken,“ ruft es aus dem Telefon.

Na gut, denke ich mir. Dann drehe ich mal um. Mit mulmigem Gefühl gehe ich durch die Eingangstür dieser Klinik. Innerlich frage ich mich, warum meine Freundin hier ist. Eine Klinik für psychische Erkrankungen passt so gar nicht in das Bild, das ich von meiner Freundin habe…

Bereits nach dem Betreten des Eingangsbereich sehe ich sie, wie sie mir aufgeregt von oben zuwinkt. Langsam gehe ich die Treppe rauf und schaue mich um. Wir stehen voreinander und drücken uns ganz fest. Dann gehen wir zu einem Tisch in der Caféteria.

Offen über Depressionen reden – ein schwerer Gang für Betroffene

Meine Freundin merkt mir die Verwunderung über den Treffpunkt an und spricht meine Gedanken offen aus. Ein kurzer Dialog entsteht.

„Du fragst dich jetzt, warum du mich hier besuchen solltest, nicht wahr?“

„Ja, klar. Was machst du denn hier?“

„Ich werde jetzt eine zeitlang hier bleiben.“

„Wieso?“ (blöde Frage, oder?)

„Weil ich krank bin.“

„Was ist denn mit dir?“

Jetzt müssen die Karten auf den Tisch. Einer der schwersten Gänge, die eine erkrankte Person gehen muss, wenn sie über Depressionen reden möchte. Für beide Seiten keine einfache Aufgabe.

„Ich habe schwere Depressionen.“

„Das ist kein Scherz, oder?“

„Nein.“ Uff, ich muss schlucken. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin sprachlos. Wie kann meine Freundin Depressionen haben? Das hätte ich doch merken müssen. Scheinbar merkt sie mir meine Überraschung an.

über Depressionen reden. Gib Depressionen ein Gesicht

Mit Freunden und Angehörigen über Depressionen reden

Ihr Gesicht entspannt sich etwas. Ich merke ihr an, wie schwer es ihr fällt, über Depressionen zu reden. Eine Sekunde überlege ich, wie ich mich ihre gegenüber jetzt richtig verhalte. Bloß keinen Fehler machen, nichts Falsches sagen. Noch während ich innerlich erstarre und mir „Verhaltensregeln“ überlege, sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus.

„Es geht mir schon lange schlecht. Ich habe mich nur über Wasser gehalten. Wenn ich dich besucht habe und wir einen Kaffee getrunken haben, ging es mir kurzzeitig gut. Ich habe meine Sorgen in den Hintergrund gestellt und mich an den Neuigkeiten erfreut, die du mir erzählt hast. Damit habe ich mich von dir ablenken lassen und dir das, was sich in mir über Jahre angesammelt hat, verschwiegen.“

„Naja, ich hab ja schon gemerkt, dass es dir manchmal nicht so gut ging, aber ich dachte, das käme von deinem Stress.“

„Das auch, aber es hing immer auch der schwarze Hund an meinem Bein. Ich habe dir nur etwas vorgemacht, weil ich dich nicht belasten wollte. Du hattest doch selbst gerade so viel Ärger in deinem Job.“

„Aber ich bin doch deine Freundin, mir kannst du alles sagen!“, sagte sie mehr oder weniger empört, „Tag und Nacht bin ich für dich da.“

„Ja ich weiß, aber ich konnte es nicht. Ich wollte mit dir über Depressionen reden, hab es aber nicht geschafft. Nun ist der Zeitpunkt gekommen und deswegen möchte ich dir auch alles erzählen…“

Ganz normal über Depressionen reden

Und so begann sie, nach und nach mit der Wahrheit rauszurücken. Welche Schicksale sie noch so ereilt haben. Was sie in der Vergangenheit erlebt hat. Das Offensichtliche in ihrem Leben, die gescheiterte Ehe, das Studium, usw.

Die Probleme wegen dem gemeinsamen Kind habe ich ja schon mitbekommen, aber der Rest haute mich um! Jede weitere Information ließ mich erstarren. Die mühevoll aufgebaute Fassade der taffen Kämpferin, die durch nichts umzuhauen war, bröckelte im Sekundentakt. Die Entschlossenheit, mit der sie nun „reinen Tisch“ machte, beeindruckte mich. Wie angewurzelt hörte ich zu, während sich mein Hals langsam zuschnürte. Mein Herzschlag wurde schneller und Tränen liefen über die Wangen, als sie mit ihrer Geschichte endete. Fassungslos schaute ich sie mit verschwommenem Blick an. Da saß sie nun, meine Freundin, die durch nichts zu erschüttern war. Meine Freundin, die so krank ist und allen etwas vorgemacht hat. Meine Freundin, die ihr Leben nicht mehr aushielt…

Wenn Depressive um Hilfe bitten

Während ich noch schluckte und meine Tränen beiseite wischte, sah ich sie leicht lächeln. Ich bin geschockt und nicht in der Lage, etwas zu erwidern. Sie lächelt und ich frage mich, was los ist.

„Ich sage dir das, weil ich nicht mehr lügen möchte. Ich will mich nicht mehr verstecken. Ich habe es satt! Ich weiß nicht, wann ich wieder gesund bin oder ob ich das überhaupt schaffe. Ich sage dir das, weil ich deine Hilfe brauche!“

„Äh ja, klar. Wie kann ich dir helfen?“, stammele ich nur so.

„Gib auf mich Acht!“

„Hä?“

Meine Verwunderung über diese Aussage ist scheinbar grenzenlos und dann dämmerte es mir. Sie will sich nicht mehr vor mir verstecken und keine Fassade mehr aufrecht erhalten.

Wie Angehörige depressiv Erkrankten unterstützen können

Noch während meine Gedanken einen Marathon laufen, durchbricht sie die Stille:

„Achte auf mich, indem du mir Fragen stellst. Wenn dir irgendwas an mir komisch vorkommt, dann sprich mich an! Ich lerne hier zwar, selbst auf mich Acht zu geben, aber im Alltag wird das harte Arbeit. Mir ist klar, dass ich das ohne gute Freunde nicht schaffe. Deswegen erzähle ich dir alles. Ich sichere mich quasi ab, damit ich mich nicht vergesse und im Kampf mit dem schwarzen Hund eine Dummheit begehe. Denn jetzt will leben und wieder gesund werden, aber ich brauche dafür neben professioneller Hilfe auch ein gutes Netzwerk.“

Ich stehe auf und nehme sie in den Arm. Halb flüsternd sage ich ihr, dass ich sie nicht verlieren möchte, dass ich sie lieb habe und auf sie achten werde.

In diesem Moment schien die Welt still zu stehen: Wir lagen uns in den Armen und hielten uns aneinander fest wie Ertrinkende. Die Bedeutung dieser „Beichte“ wurde mir erst daheim richtig bewusst. Auch wenn es sich vielleicht um ein Tabuthema handeln mag, bin ich froh, dass meine Freundin mit mir über Depressionen reden wollte. Rückblickend war es ganz normal, so wie jedes andere Gespräch. Unfassbar, was sie die ganze Zeit mit sich herumgetragen hatte. Ich kann es kaum glauben, dass ich mich so habe blenden lassen. Aber ich freue mich so sehr, dass sie sich jetzt offenbart hat.

Und mit all´ diesen Gedanken wird mir eines klar. Wie groß der innere und äußere Druck sein muss, um eine Depression so lange zu verheimlichen…

Ebenfalls lesenswert:

Dies ist ein Beitrag zum [*.txt]-Projekt des Österreichers Dominik Leitner. Gleichzeitig ist es aber auch ein Beitrag, der Mut machen möchte, um einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung zu gehen. Sehr unterstütze ich hiermit auch sehr gerne das Projekt „Gib Depressionen ein Gesicht„.

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18 comments on “Wie du über Depressionen reden kannst- Gib auf mich Acht!”

  1. Oh Gott..mich zereist es gerade richtig. Das ist so toll verfasst, menschlich und zugleich erschreckend..aber auch ehrlich und…irgendwie fehlen die richtigen Worte…es haut einen um. Ja, nennen wir es so.

    Offen darüber zu reden kann oft erleichternd sein, auch wenn man manchmal nur gegen eine weiße Wand spricht…

    Danke für diesen tollen Beitrag!

  2. Danke für dein Kompliment. Ich versuche gerade, viele Facetten aus verschiedenen Sichtweisen zu zeigen. Denn irgendwie scheine ich damit einen Nerv zu treffen. Und mir tut es gut, wenn ich anderen Mut machen kann 🙂

  3. Mit Depressionen hat mein Mann auch gekämpft und war lange in psychatrischer Behandlung. Das hat ihm aber sehr geholfen. Ist aber für Angehörige und Freunde nicht immer leicht zu verstehen. Hauptsache man ist da und hört zu.
    LG
    Karin

    • Das ist richtig. Man muss es aber auch trage können ohne sich selbst zu belasten. Sonst kann man keine gute Stütze für die kranke Person sein. ich hoffe, dass ich Menschen mit meinen Beiträgen zur Depression Mut machen kann. Es wird auf jeden Fall noch etwas kommen… Danke für deinen Kommentar!
      LG Yvonne

  4. Jetzt sitze ich hier und habe auch einen dicken Kloß im Hals. Depressionen sind nach wie vor irgendwie ein „Tabuthema“ in der Öffentlichkeit und wird meist als Bagatelle abgetan. Das hier Menschen fast zugrunde gehen sieht fast keiner. Warum es in den letzten Jahren oder Jahrzehnten so ein Steigerung gibt an Menschen mit der Krankheit ist schon beängstigend. Vielleicht aber wussten viele es ja auch nicht, was sie haben und es wurde als Laune abgetan.
    Auf jedenfall viel Kraft deiner Freundin und dir, das sie es schafft den schwarzen Hund abzuschütteln und wieder leichter durch die Welt gehen zu können.
    LG Tanja

    • Danke für deinen Kommentar. Wenn ich lese, dass ich die Menschen so berühren kann, dass sie diese Empfindungen durch einen Kloß oder durch Gänsehaut nachspüren können, habe ich wohl alles richtig gemacht. Ich möchte berühren und einen Nerv treffen, damit die Krankheit ernst genommen wird.
      Alles Liebe,
      Yvonne

  5. Der Text ist wirklich gut und regt Leute, die nicht davon betroffen sind, zum Nachdenken an. Und das ist wichtig.
    Denn Depressionen sind nichts einfaches, was man einfach so weg bekommt und das muss auch gezeigt werden.
    Und den Mut zu haben, dieses Thema anzuschneiden ist auch schon viel Wert.
    Mir tat es immer gut, darüber zu reden, denn so habe ich, gerade noch rechtzeitig, die Kurve bekommen.
    LG Jessy

    • Hallo Jessy,
      danke für deinen Kommentar. Um die Kurve noch rechtzeitig zu bekommen, bedarf es viel Selbstehrlichkeit und Freunde, die unterstützen. Ich freue mich, dass du nicht in den schwarzen Sumpf gezogen worden bist. gerade mit Kindern ist das ja nicht so leicht. Liebe Grüße,
      Yvonne

  6. Hi Yvonne,
    puh wieder mal ein schwer sitzender Beitrag von dir. Irgendwie bedrückend aber auch irgendwie befreiend. Es zeigt wie gut es ist und wie hilfreich, wenn man sich mit dieser Krankheit öffnet und sich mitteilt.
    Es ist wichtig, Freunde, Partner und Familie hier mit ins Boot zu holen. Wobei es hier auch um die Intensität geht, inwieweit die Freunde, Partner, Familie in die Erkrankung involviert werden. Nicht zu unrecht gibt es Selbsthilfegruppen für die Angehörigen von betroffenen Depressiven. Und hier geht es nicht darum den Depressiven vor Dummheiten zu schützen, sondern ihn zu unterstützen, die Krankheit zu verstehen, aber auch sich selber abzugrenzen und die Krankheit des anderen nicht als seine eigene Lebensaufgabe zu sehen. Denn sonst läuft man Gefahr ebenfalls in eine depressive Episode zu rutschen. Und davon hat letztlich keiner etwas!
    Aber es ist und bleibt wichtig sich hier mitzuteilen, aufzuklären und sein Umfeld mit einzubeziehen. Der Antrieb für die verändernden Schritte muss jedoch immer von dem Betroffenen selber kommen.
    Toller Beitrag – weiter so!
    Steffi

    • Danke für das Kompliment. Das mit der Co-Abhängigkeit von Angehörigen kenne ich auch. Hier ist es wirklich wichtig, sich selbst ernst zu nehmen und stabil zu bleiben. Sonst kann man die schwere Zeit mit dem Patienten nicht gut oder unbeschadet überstehen und läuft Gefahr, eine Co-Abhängigkeit zu entwickeln. Das möchte ja keiner!!! Aber hierfür gibt es auch gute Literatur. Man muss sie nur lesen…
      Liebe Grüße,
      Yvonne

    • Hallo Frauke,
      das freut mich. An den heutigen Reaktionen merke ich, dass es Vielen unter den Nägeln brennt. Es macht mir Mut, in dieser Richtung weiterzumachen.
      LG Yvonne

  7. Depression ist ein immer größer werdendes Problem in unserer heutigen Zeit und es ist gut und wichtig, wenn die Betroffenen nicht glauben, sich verstecken zu müssen. Depressionen gehen uns alle an und ich finde es gut, dass du dies hier thematisierst!
    LG
    Sabiene

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