Wenn das Lebensende naht und sich die Betroffenen an ihren Erinnerungen festhalten, ist die Zeit der inneren Bilder gekommen. Wie kostbare Schätze werden sie vor dem inneren Auge projiziert. Der folgende Beitrag ist eine Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion. Ein Beitrag, der eine persönliche Bedeutung hat und doch einen schmalen Grat zwischen literarischer Freiheit und Erinnerung betritt.

Es war ein Ferientag wie jeder andere und doch war es anders. An diesem Tag würden sie sich auf den Weg in die Ferien machen und ein wenig vom Alltag ausruhen. Die Kinder waren aufgeregt und schwirrten herum wie die Bienen im Bienenstock. „Wann geht es los? Soll ich schon mal zum Auto gehen?“ fragte Mila ungeduldig. „Es ist noch nicht so weit. Ich muss erst nochmal ein paar Sachen packen“ entgegnete ihre Mutter leicht genervt. Mila ging zurück in ihr Zimmer.

Sie spürte, dass irgendwas in der Luft lag.

Sie verstand nicht, warum ihre Mutter bei ihrer Frage so komisch geantwortet hat. Ferien sind doch toll! Wie sollte sie auch wissen, dass der Mutter ein anstrengender Tag bevorstand. Ein Tag, der nicht mit den Freuden der bevorstehenden Ferien in Einklang zu bringen ist, sondern ein Tag, an dem die Welt noch einmal für einen Moment stehen bleiben würde. Während der Vater also das Auto reisefertig machte, die kleine Schwester mit ihren tapsigen Schritten mal hierhin und mal dorthin lief, die Mutter scheinbar anderen Gedanken nachhing, machte sich Mila an ihrem Ipod zu schaffen. Sie hatte ihn von ihrem Onkel zum Geburtstag bekommen und durfte ihn zum ersten Mal mit außer Haus nehmen. Aufgeregt untersuchte sie die Fotofunktion und überlegte, was sich wohl als Bild lohnen könnte. Sie malte sich gedanklich aus, was sie im Urlaub alles sehen würde: Das Meer, neue Freunde, vielleicht Muscheln und Ostereier – immerhin kommt ja bald der Hase. Aber besonders freute sie sich auf ihren Großvater, den sie heute noch sehen würde. Von ihm macht sie auf jeden Fall ein Bild! Ihre Mutter hatte ihr gesagt, dass er sehr krank ist und etwas anders ausschaut als bei ihrem letzten Besuch.

Aber was kann ein Kind schon mit so einer Information anfangen?

Unbedarft setzte sie sich beizeiten ins Auto, hantierte mit ihrem Gerät und freute sich auf alles Kommende. Die Eltern packten den Rest, drapierten die Kleinste in ihren Kindersitz, kontrollierten noch einmal alles und setzten sich dann ins Auto. Die Reise begann. Das Kleinkind beginnt zu weinen, so dass die Mutter besorgt nach hinten schaut: „Wo ist denn Jettes Teddy?“ „Der ist hier nicht“ spricht es von hinten. Genervt mischt sich nun der Vater ein „Der lag doch vorhin noch im Flur!“ – „Halt mal an“, bittet die Mutter. Na das fängt ja toll an, denkt der Vater und lenkt das Vehikel an den Straßenrand. Nachdem sich vergewissert wurde, dass der Teddy nicht da ist, geht es zurück: Teddy holen! Ist aber auch ein blöder Ferienbeginn… Als das verschwundene Stofftier fest in Jettes Arm gedrückt wurde, beginnt die Fahrt von Neuem. Um des lieben Friedens willen, darf sich nun auch Benjamin Blümchen lauthals trompetend im Auto niederlassen. Während sich der Elefant also mit Direktor Tierlieb unterhält und im Auto friedliche Einigkeit auf der Rückbank herrscht, hängen die Eltern ihren ganz eigenen Gedanken nach. Sie wissen, dass der Ferienbeginn mit einem Krankenhausbesuch starten wird. Der Großvater möchte seine Enkelkinder noch einmal sehen und wartet sehnsüchtig auf deren Ankunft. Die Mutter weiß, dass es der letzte Besuch sein könnte und lässt Erinnerungen Revue passieren…

Kostbare Erinnerungen

Während die Familie auf der Autobahn ist, breitet sich im Krankenzimmer Ungeduld aus. Der Großvater hat durch die Medikamente jegliches Zeitgefühl verloren und fragt seine Frau fast minütlich nach der Ankunft des sehnsüchtig erwarteten Besuchs. Diese bemüht sich, ihm auch nach der zehnten Nachfrage noch freundlich zu versichern, dass der Besuch heute wirklich kommen würde, doch auch ihr schwinden die Kräfte und ein leicht genervter Unterton macht sich in ihren Äußerungen breit. Zur Ablenkung verwickelt sie einen Mitpatienten ihres Mannes in ein Gespräch.

Gespräch mit dem Tod

Die Stille und Ungeduld ist kaum erträglich. Ihr Mann hängt seinen eigenen Gedanken nach. Er weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Wie einst Mephisto und Dr. Faust führt er einen inneren Monolog mit seinem Begleiter, dem Gevatter Tod. „Ich werde bald mit dir gehen, aber lass mir noch ein wenig Zeit. Ich bin noch nicht so weit“. Dieser lässt ihn gewähren und mahnt jedoch, die verbleibenden Momente intensiv zu nutzen. Der Großvater stimmt zu und nimmt derweil ein Bild seiner Enkelkinder vom Nachttisch. Dieses hält er krampfhaft fest. Es scheint, als ob er es in sich aufnehmen will… In seinen Gedanken hängt er jedoch inneren Bildern nach. Wie ein Film reihen sich Momente und Ereignisse des Glücks aneinander.

Er erinnert sich an den Moment, als er seine erste Enkelin wenige Wochen nach der Geburt zum ersten Mal im Arm hielt. Wie befangen und verkrampft er damals noch war. Doch sie machte alles so leicht! Während sie in seinem Arm einschlief und laut in die Windel knatterte, verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln – ein Engelslächeln erwärmte sein Herz. Von da an, hatte sie ihn um den Finger gewickelt. Als sie älter wurde, animierte sie ihn zum Spielen. Mit ihr krabbelte er über den Boden und spielte mit den alten Duplo-Steinen seiner eigenen Kinder. Dinge, für die er als junger Vater keine Gelegenheiten hatte, nun aber als junger Großvater mit Freuden nachholte.

Ein besonderes Weihnachtsfest

Seine Erinnerungen wanderten und er stellte sich die Situation des ersten Weihnachtsfestes nach seiner Diagnose vor. Mila war damals etwa dreieinhalb Jahre alt und erlebte dieses Weihnachtsfest ganz bewusst. Sie staunte über den Weihnachtsbaum, den ihr Großvater mit großer Anstrengung aufgebaut und geschmückt hatte. Dies wollte er sich nicht nehmen lassen, es sollte ein besonders schönes Fest für seine Lieben werden. Sogar einen besonderen Weihnachtsmann hatte er auftreiben können – einen mit echtem Rauschebart! Am heiligen Abend war die Kleine sehr aufgeregt. Sie wusste, dass der Weihnachtsmann irgendwann im Laufe des Abends kommen würde – so viel wurde ihr verraten. Aufgeregt hopste sie bei ihrem Großvater auf dem Bauch herum. Für ihn war das etwas Besonderes: Sein Bauch tat ihm weh, aber er wollte den Moment in die Länge ziehen. Wie viele solcher Momente würde er wohl noch erleben? Also ließ er sie gewähren und wurde durch das Klingeln an der Haustür erlöst.

Eilig rannte die Kleine zur Tür und öffnete dem beeindruckenden Mann mit dem großen Sack. Etwas zögerlich ging sie dann im Wohnzimmer auf ihn zu und antwortete auf seine Fragen. Nach einer Weile hatte er ihr Vertrauen gewonnen, so dass sie auf seinen Schoß hüpfte und sich über jedes Geschenk freute. Der Großvater sah dem Spektakel mit großer Zufriedenheit zu und entspannte sich in seiner Lieblingsecke auf dem Sofa. Die Anstrengung hatte sich gelohnt: Ein schönes Weihnachtsfest!

Klarer Kopf ohne Medikamente

Diese Szene erinnerte er immer wieder und während sich dadurch ein Lächeln auf seinem Gesicht breit machte, holte ihn die Realität wieder zurück ins Krankenzimmer. Es klopfte kurz an der Tür und sein Arzt trat mit einem freundlichen „Guten Tag, Herr Mohr!“ ins Zimmer. Er wolle sich ins Wochenende verabschieden und vorher aber noch nach dem Rechten sehen. „Haben Sie sich heute noch etwas Besonderes vorgenommen?“ wollte er von seinem Patienten wissen. „Meine Enkelkinder kommen mich gleich besuchen!“ entgegnete dieser freudestrahlend. „Brauchen Sie dann noch etwas Schmerzmittel? Soll ich der Schwester noch etwas aufschreiben?“ fragte der Arzt daraufhin. „Nein, nein. Ich möchte dafür einen klaren Kopf haben. So oft habe ich die beiden noch nicht gesehen. Das wird schon so gehen“, versicherte er ihm. Nach einer kurzen Verabschiedung ging auch dieser seiner Wege.

Durch die Unterbrechung wird dem Großvater bewusst, dass die Kinder noch nicht da sind. Er macht sich Sorgen. Es könnte auf der dreistündigen Autofahrt ja etwas passiert sein. Seine Frau beschwichtigt ihn und verlässt das Zimmer, um bei den Kindern anzurufen und nachzufragen. Als diese den Raum verließ, kramte er in seiner Erinnerung nach weiteren Bildern.

Ungeduld

Bewusst versuchte er, sich an Momente mit der Kleinsten zu erinnern. Dies gelang ihm jedoch nicht. Nur schemenhafte Erinnerungen wollten sich auftun. Er hatte einfach zu wenig von ihr mitbekommen. Sie ist ja noch so klein und Babys verändern sich ja ständig. Wie sie jetzt wohl aussieht sinnierte er. Seine Tochter hatte ihm ein aktuelles Bild auf sein Handy geschickt, ihm regelmäßig über ihre Fortschritte berichtet, aber für ein konkretes Gesamtbild reichte das nicht. Es wird Zeit, dass sie endlich kommen. Ich möchte mit eigenen Augen sehen, wie Jette läuft. Nur ein einziges Mal! Ob sie mir wohl diesen Gefallen macht? Seine Gedanken wurden mit nahen Geräuschen auf dem Flur beendet. Sie kommen, endlich!

Die Tür geht auf und Mila stürmt auf ihren Großvater zu. Während sie ihn gleich belagert und über die technischen Errungenschaften ihres Ipods aufklärt, schaut er in die Gesichter seiner Besucher. Nacheinander. Jeder für sich. Eingebrannt. Für immer. Dann richtet er seine Aufmerksamkeit wieder auf Mila. Die Unbefangenheit, mit der sie sich ihm widmet, rührt ihn tief. Er saugt jeden Moment förmlich auf.

Ein Engel im Krankenzimmer

Die kleine Jette schaut sich die Szene auf dem Arm ihrer Mutter an. Irgendetwas scheint sie zu interessieren. Sie schaut unablässig zum Bett ihres Großvaters, den sie eigentlich gar nicht kennt. Etwas zieht sie in ihren Bann! Sie sieht einen Engel, der neben ihm wacht. Eine lichtbehaftete Gestalt, die sie freundlich anlächelt. Ihr wird warm uns Herz. Sie hat keine Angst, obwohl sie vor Fremden, insbesondere vor Männern, sonst zurückschreckt und sich am liebsten ganz hinter Mama verstecken möchte. Aber heute ist alles anders! So etwas hat sie noch nicht gesehen. Das möchte sie aus der Nähe betrachten.

Sie bedeutet ihrer Mutter, sie hinunter zu lassen und tapst mit kleinen Schritten auf das Bett des Großvaters zu. Mila ist verwundert, macht aber ihrer Schwester bereitwillig Platz. Jette geht zum Großvater, nimmt seine Hand und lächelt ihn an. Dieser freut sich so sehr, dass ihm eine kleine Träne über die Wange läuft. So etwas hat er nicht erwartet, da die Eltern ihm doch vorher fast jegliche Hoffnung auf ein solches Erlebnis nahmen. „Jette hat Angst vor Menschen. Ich glaube nicht, dass sie sich von dir in den Arm nehmen lässt“, sagte ihm seine Tochter Tage zuvor am Telefon. Doch seine Tochter behält Unrecht! Dankbar über diese Chance nimmt der Großvater das sich vor ihm entstehende Bild in sich auf. Und Jette? Die kleine Maus hat gar keine Angst, freut sich über den Engel und scheint irgendwie mit ihm zu kommunizieren. Geborgen in dieser Sicherheit sagt sie irgendwas in ihrer Kindersprache.

Das Einzige, was zu verstehen ist, ist das Wort „Opa“ und selbst das ist eine Sensation. Zuvor gehörte dies nämlich nicht zu ihrem Wortschatz. Nicht nur Opa nahm dieses Bild in sich auf – auch die umstehenden Erwachsenen, die eigentlich mit Zurückhaltung oder Ablehnung der Kleinsten gerechnet haben, bestaunten diese Entwicklung.

Es war wie ein Wunder

Ein Wunder, das voller Kraft und Zuversicht war, so dass sich der Großvater nach einer Weile erschöpft zurückzog und einschlief. Während er die Augen schloss und noch einmal mit dem Gevatter sprach, handelte er noch etwas mehr Zeit aus: „Geh du ruhig erstmal jemand anderen holen. Ich hab da noch was zu erledigen!“ Nach einigen Tagen verließ er also das Krankenhaus und startete mit neuer Kraft zu letzten Taten. Bestärkt durch das kleine Wunder nahm er seine letzten Tage bewusster wahr und wurde später mit vielen schönen Bildern von seinem Engel in die Ewigkeit begleitet. Für einen kurzen Moment steht die Welt dann still und wenn sie sich wieder weiter dreht, ist nichts mehr wie es vorher war.

 

Dies ist ein Beitrag zum [*.txt]-Projekt eines österreichischen Worthelden. Weitere Beiträge sind hier zu lesen.

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