Depression und Gesellschaft

Seitdem die Tage kürzer wurden und die Sonnenstrahlen fehlen, macht sich auch der Trübsinn etwas breiter. Hinzu kommt der Weihnachtsstress, der bei vielen Menschen schon am Monatsanfang einsetzt. Weihnachtsfeier hier, Weihnachtsfeier dort, Plätzchen backen, Adventsgestecke besorgen und irgendwann auch noch Geschenke für die Liebsten kaufen.

Eine stressige Zeit, wenn nebenher noch der alltägliche Wahnsinn bewältigt werden muss. Kommt auch noch Druck durch die Arbeit auf und läuft zusätzlich etwas anderes aus dem Ruder, ist das schon zum Wahnsinnigwerden. 

Abgehetzt und gestresst

Und all überall auf den Tannenspitzen sah ich genervte Gesichter blitzen.

Hand aufs Herz: Wieviele Menschen sind denn in diesen Tagen wirklich gelassen, fröhlich und vom Alltagstrubel ganz und garnicht betroffen? Viele dürften es meiner Ansicht nach nicht sein.

Doch warum schauen wir fast ausschließlich in ernste Gesichter, gestresste Minen und sehen Menschen über die Straßen von einem zum anderen Termin hetzen? Ist das ein vorübergehendes Phänomen, das sich nur im Dezember zeigt? Ich glaube nicht! Doch in den dunklen Monaten fällt es vielleicht eher auf. In dieser Zeit sind öfter Meldungen von Unglücksfällen zu vernehmen. Unglücksfälle, die uns erschüttern und gleichermaßen aufhorchen lassen.

Wenn der Freitod als einzige Lösung gesehen wird

Ich denke gerade an den Freitod Robert Enkes. Ein Mann, der keinen anderen Ausweg mehr wusste, als sein persönliches Leid im Unendlichen zu lösen. Ein Mann, der hinter einer Fassade lebte, hinter der es alles andere als rosig war. Ein Mann, der offensichtlich alles hatte, was andere sich nur wünschen konnten und doch hatte er eines nicht: Selbstzufriedenheit. Sein Tod hat uns damals schockiert – das Verhalten seiner Frau Teresa erstaunt und in den Köpfen zahlreicher Menschen Bewunderung abgerungen. Nicht nur ich war überwältigt, dass ein solcher Verlust zu einer Stärke verhelfen kann, die im Kampf gegen die Verharmlosung dieser Krankheit nach wie vor eindrucksvoll ist. Auch nach mittlerweile sechs Jahren lässt ihr Engagement zur Veränderung der gesellschaftlichen Denkweise nicht nach.

Ich weiß, wovon ich spreche, denn mir ging es vor fast genau zwei Jahren genauso. Auch ich kämpfte mit meinen eigenen Dämonen und baute nach außen hin eine Fassade auf. Es schickt sich ja nicht, im großen System der Gesellschaft zu versagen. Einzugestehen, dass man Hilfe braucht und eben doch nicht alles schaffen kann, was auferlegt wurde. Nein! Immer schneller, höher, weiter sollte es gehen. Es muss, es muss, es muss!

Die leise Stimme, die „ich kann nicht mehr“ rufen wollte, wurde schon im Keim der Aussprache erstickt. Funktionieren bis es nicht mehr geht und dann wird das kleine Rädchen im System ersetzt. Ein Schelm, der hierbei Böses denkt…

Der eigene Anspruch

In meiner Geschichte geht es jedoch nicht um Druck von außen, sondern um Druck, den ich mir selbst auferlegt habe. Ich wollte funktionieren und hatte große Angst vorm Versagen. Nur über Höchstleistungen habe ich mich definiert und dabei einen anderen wichtigen Teil aus meinem Leben außer Acht gelassen. Meine Persönlichkeit war nur noch darauf getrimmt, Anerkennung für gute Leistungen zu bekommen. Blieb die Anerkennung aus, fiel ich in ein Loch und arbeitete noch härter. Ich zog mich fast völlig aus dem sozialen Umfeld zurück und glich einem Roboter. Meine Gefühle wurden unterdrückt, durften irgendwie nicht sein – nur im stillen Kämmerlein. Erst dann, wenn alle Lichter gelöscht waren, erlaubte ich mir die Freiheit der Tränen.

Tränen, die einem Sturzbach glichen, als sie ihren Weg über mein Gesicht fanden.

Tränen, die nicht hätten sein müssen, wenn ich rationaler mit meinem Leistungsstreben umgegangen wäre. Wenn ich eingesehen hätte, dass ich selbst Unmenschliches von mir verlangt hatte oder wenn mir zu diesem Zeitpunkt klar gewesen wäre, dass ich nicht mehr ich war.

Eine trügerische Fassade

Doch ich machte weiter und bestärkte damit ein Außenbild, das genau dem Gegenteil meiner Innensicht entsprach. Nach außen war ich stark, organisierte Studium und Kinder, kümmerte mich um Haushalt und amtliche Belange. Ich steuerte das Schiff in den sicheren Hafen.

Innen nahm jenes Schiff jedoch eine andere Route. Mein innerer Kompass war durch die entflammte Depression und die damit einhergehende hormonelle Veränderung auf ein ganz bestimmtes Ziel eingestellt. Dieses Ziel sollte das Ende meiner letzten Reise darstellen und kam dem gleich, was Robert Enke seinerzeit für sich als Lösung seiner Probleme suchte.

Doch als ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen wollte, kam alles anders. Ein Geistesblitz durchzog und bremste mich. Ich wollte meine Probleme anders lösen!

Kurze Zeit später brach ich zusammen und wurde in einer Akutklinik für psychisch erkrankte Menschen aufgenommen. Hier erlebte ich Verständnis, AHA-Effekte und Erfahrungen, die mich langsam wieder gesunden ließen. Ich lernte, ein Gefühl für mich zu haben, Stress abzubauen und Handlungsalternativen für kritische Situationen zu entwickeln. Schritt für Schritt kam ich zu dem Menschen zurück, der ich früher einmal gewesen bin. Es war ein langer und sehr steiniger Weg, doch diesen zu gehen, war jede Mühe wert.

Depressionen sind nicht gesellschaftsfähig?

Was mir selbst schleierhaft ist, ist mein eigener Wille, diese oftmals tödlich endende Krankheit DEPRESSION, vor der Außenwelt zu verheimlichen. Warum gehe ich nicht offen damit um? Was hemmt mich, mir und allen anderen einzugestehen, dass ich krank bin? Wieso ist diese Krankheit noch immer nicht gesellschaftsfähig? Und das, obwohl die Zahl der depressiv erkrankten Menschen stetig steigt…

In der Klinik habe ich gelernt, dass es für Depressionen eine Vielzahl an Auslösern gibt – ebenso wie die Krankheit selbst viele Facetten hat und nicht bei jedem Menschen gleich ist. Natürlich gibt es Aspekte, die als Frühwarnsignale eine aufkommende Depression anzeigen können: Schlafmangel, Schlaflosigkeit, innere Unruhe, Bewegungsmangel, Stress, Freudlosigkeit, sozialer Rückzug, Empfindungstaubheit, Kreisgrübeln, Ängste, Druck usw. Doch auch hier kann und muss nicht die Depression das letzte Glied einer Dominoreihe sein.

Selbsterkenntnis

Viel wichtiger als das Kategorisieren ist hierbei die Wahrnehmung und das genaue Hinschauen. Warum geht es mir nicht gut, was treibt mich an und wie lange erlebe ich mich schon so verändert? Welche Wege gehe ich und wem vertraue ich mich an?

Aber manchmal nützt die beste Selbsterkenntnis nichts. Solange Depression als Krankheit nicht in den Köpfen der Menschen angenommen und die an sich unsichtbare Krankheit weiterhin unter den imaginären Teppich gekehrt wird, wird immer wieder ein Raunen zu hören sein, sobald sich ein weiterer prominenter Mensch das Leben nimmt.

Es bedarf einer Achtsamkeit und Empathie, kranken Menschen die Angst vor dem oftmals so schwierigen Schritt des offenen Wortes zu nehmen. Ich wünsche mir, dass die Worte „ich habe Depressionen“ ebensolche Worte wie „ich habe mir das Bein gebrochen“ werden und niemand mehr befürchten muss, sein Gesicht zu verlieren.

Meine Geschichten, Erfahrungen und Erlebnisbefinden sich in zahlreichen Beiträgen im Blog und auch in meinen Gastartikeln wieder: Als Innensicht für diejenigen, die sich kein Bild von der Trostlosigkeit eines fast gefühllosen Seelenlebens machen können; Als Empfehlungen für Angehörige depressiv Erkrankter und als verständnisvolle Texte für all diejenigen, die den mutigen Schritt wagen wollen, sich mit ihren Problemen zu öffnen.

DezembersonneHelft alle mit, die Depression gesellschaftsfähig zu machen – gerade in den dunklen Tagen, in denen die Stimmung getrübt ist! Lasst die Sonne für die Menschen wieder durch den wolkenverhangenen Himmel scheinen, damit sich Betroffene in ihrer Krankheit nicht mehr hilflos und allein fühlen. Schaut genauer hin und handelt, bevor verzweifelte Menschen selbst handeln und den falschen Weg gehen… Hilfreich kann dabei auch folgender Artikel sein.

23 Comments on Depression und Gesellschaft

  1. Stephanie
    21. Dezember 2015 at 11:17 (5 Monaten ago)

    WoW!!! Sehr sehr toll geschrieben!! Gerade gestern erst fiel mir wieder auf, wie sehr sie Menschen um diese Zeit mit sich beschäftigt sind. Kein nach rechts und links gucken, kein Lächeln, keine Rücksichtnahme. Tut man Dinge einfach nur weil man „das um diese Zeit eben gerade so macht“? Sollten wir nicht „wenigstens“ zu dieser Zeit ein wenig sozialer und auf andere Menschen bedacht sein? Und das meine ich nicht nur im kommerziellen Sinne.

    Antworten
    • Limalisoy
      21. Dezember 2015 at 12:08 (5 Monaten ago)

      Liebe Stephanie,
      Danke für deinen Kommentar und dein Kompliment zum Artikel.
      Ich finde es toll, dass du auch darüber schreibst, dass dir das mangelnde Interesse an anderen Menschen auch aufgefallen ist. Wenn jeder ein kleines bisschen so denken würde, wäre die Welt ein wenig freundlicher…
      LG Yvonne

      Antworten
      • Tanja
        21. Dezember 2015 at 15:53 (5 Monaten ago)

        Also mir fällt kein Unterschied auf, im Interesse oder Desinteresse der Menschen zueinander. Und die Hetze macht sich ja schließlich auch jeder selbst. Man muss es ja nicht mit machen!

        Antworten
  2. Kaddi
    21. Dezember 2015 at 12:16 (5 Monaten ago)

    Dein Artikel berührt mich mal wieder sehr. Mir geht es einigermaßen gut im Moment. Ich weiß aber wie trügerisch das ist.
    Ich selbst erzähle mittlerweile normal darüber. Ich sage, dass ich krank bin und so fühlt es sich ja auch an.
    Pass auf Dich auf.

    Antworten
    • Limalisoy
      21. Dezember 2015 at 16:41 (5 Monaten ago)

      Hallo Katharina,
      über deinen Kommentar freue ich mich sehr, denn seit fast einem Jahr verfolge ich mit großem Interesse deine Beiträge in meinem RSS-Feed. Schön, dass du den Weg zu mir gefunden hast 🙂
      LG Yvonne

      Antworten
  3. Tanja
    21. Dezember 2015 at 15:51 (5 Monaten ago)

    Aus Interesse, Lima: hast du es „in den dunklen Tagen“ einmal mit der kurmässigen Einnahme von Vit.D3 versucht?
    Ärztlich begleitet Minnimum 20.000 I.E.?
    Falls ja: gibt es einen Beitrag?
    Wie sind deine Erfahrungen?

    Antworten
    • Limalisoy
      21. Dezember 2015 at 16:16 (5 Monaten ago)

      Hallo Tanja,
      ich habe einiges ausprobiert, aber das nicht.
      Kannst du dazu mehr sagen?

      Antworten
  4. Chris Schiefer
    21. Dezember 2015 at 19:32 (5 Monaten ago)

    Liebe Lima (ich hoffe, ich darf dich so nennen),
    danke für deinen tollen Sebst- Bericht. Du hast die Frage aufgeworfen, mit deren Antwort ich mir selbst bei meinen Schüben geholfen habe. Aber zu dieser Erkenntnis kommt man nur wenn man erst mal ganz unten angekommen ist.
    Heute gehe ich ganz offen damit um. Ich sage, wenn es mir nicht gut geht. Ich fordere Hilfe ein. Denn meiner Erfahrung nach, hilft es den Mitmenschen die Situation zu verstehen und anzunehmen, wenn man ihnen zeigt dass man hilfe braucht.

    Es gibt ja viele Auslöser der Phasen. Bei mir ist es häufig auf meine Hashimoto- Erkrankung zurückzuführen. Wenn ich merke, dass ich wieder in eine Depri verfalle, lasse ich auch immer meine Schilddrüsen- Werte überprüfen und die Medikamentation anpassen.

    Ganz liebe Grüße
    Chrissy

    Antworten
    • Limalisoy
      21. Dezember 2015 at 19:40 (5 Monaten ago)

      Hallo Chrissy,
      schön dich hier zu lesen!
      Die Zusammenhänge mit den Schilddrüsenwerten sind mir auch bekannt, doch bei mir ist in dieser Hinsicht alles ok. Ich hoffe auch sehr, dass es für mich nur eine Phase ist, aus der ich mit eigener Kraft wieder herausfinde.
      Meine Auslöser sind fast ausschließlich Stress und Unzufriedenheit, die mit meinem Ehrgeiz zusammenhängen.
      Das jedoch abzutrainieren ist harte Arbeit!
      Liebe Grüße
      Yvonne

      Antworten
  5. Sabienes
    21. Dezember 2015 at 20:58 (5 Monaten ago)

    Super Artikel! Es wird Zeit, dass das Thema Depression aus der „Pfui-kack-Kiste“ geholt wird! Ich leide immer ein bisschen an Weihnachten, wenn ich zuviel Stress habe und dann auf einmal im Frühling oder wie jetzt, wenn wir Mittags Temperaturen bis 17°C haben. Und ich falle jedes Mal darauf rein.
    LG
    Sabienes

    Antworten
  6. Janine
    21. Dezember 2015 at 22:28 (5 Monaten ago)

    Trotz eigener depressiver Vergangenheit und Gegenwart, bemühe ich mich stets, meinen Mitmenschen, denen es oftmals schlechter als mir geht, Freude zu bereiten. In der Hoffnung die Depressionen schwinden, zumindest für den Moment.

    Ein toller Artikel!!
    Hast du sehr schön geschrieben

    Antworten
  7. Uwe Hauck
    22. Dezember 2015 at 7:50 (5 Monaten ago)

    Danke, vielen Dank für diesen Text. Auch, weil ich weder mir noch meinem Umfeld meine Krankheit eingestehen wollte, kam es anfangs diesen Jahres zum Schlimmstmöglichen. Einem Suizidversuch. Danach war ich 20 Wochen in der Psychiatrie und 5 Wochen in der Reha und werde erst nächstes Jahr wieder zu arbeiten beginnen. Und ich habe beschlossen, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln für mehr Akzeptanz von Depressionen in der Gesellschaft zu kämpfen. Es wird ein Buch über meine Erfahrungen entstehen, das bei einem großen Verlag erscheint und ich werde, so alles weiterhin klappt in einer Dokumentation über Depressionen einer von drei Protagonisten sein. Und auch weiterhin werde ich laut sein, und offen mit meiner Krankheit umgehen. Weil du so recht hast. Verschweigen ist gefährlich.

    Antworten
    • Limalisoy
      22. Dezember 2015 at 9:43 (5 Monaten ago)

      Lieber Uwe,
      ich danke dir für deine ehrlichen Worte und hoffe sehr, dass du mich über deine Autorentätigkeit am Laufen hälst. Gerne würde ich deinen Weg mitverfolgen und mit dir für mehr Akzeptanz sorgen.
      Ich würde mich sehr freuen, wenn du von dir hören lässt.
      Herzliche Grüße
      Yvonne

      Antworten
  8. Wittig Melanie
    22. Dezember 2015 at 11:07 (5 Monaten ago)

    Unglaublich toll geschrieben! Auch ich habe besonders im Dezember zu kämpfen, zum Weihnachtsstress kommt dann noch der Stress um die bevorstehenden Prüfungen in der Uni, gefolgt von der Angst diese nicht zu bestehen.
    Was ich nur jedem empfehlen kann, der auch solche Gedanken und Sorgen hat um die Weinachtszeit ist: ein Hund! Seit ich meinen Benji habe, geht es mir in diesen „schlechten Phasen“ deutlich besser, ich bin entspannter. Ein Haustier gibt einem einfach Halt, egal was ist.

    Antworten
    • Limalisoy
      22. Dezember 2015 at 15:20 (5 Monaten ago)

      Danke für dein Kompliment zu meinem Artikel. Tiere können definitiv Entspannung bringen, aber sie können auch zur Belastung werden. In meinem Fall habe ich mit meinen beiden Kindern schon genug Ablenkung und auch hier fällt es mir manchmal schwer, mich ablenken zu lassen. Ein Hund wäre sicherlich eine schöne Ergänzung der Familie, würde aber auch mit noch mehr Arbeit verbunden sein und das würde im Moment meinen Rahmen an verfügbarer Zeit sprengen. Aber es freut mich, dass dir dein Hund so viel Freude macht und dich in schlechten Phasen entspannt.

      Antworten
  9. Aska
    23. Dezember 2015 at 14:37 (5 Monaten ago)

    Ein schöner Beitrag zum Thema Depressionen.

    Leider werden Depressionen -und andere psychische Erkrankungen- immer noch belächelt. Der depressive Mensch als „nicht leistungsfähig“ oder/und „schwach“ abgestempelt. Zumal immer mehr Menschen erkranken, schon alleine an dem Leistungsdruck. Den sie sich teilweise selber auferlegen, teilweise aber von außen auferlegt bekommen. Wenn ich bedenke, dass die 10jährige Tochter von Bekannten sich das Leben nehmen wollte, weil es für sie keinen Sinn mehr hatte, dann wird mir ganz anders. Sie ist nicht das einzige Kind in diesem Alter, dass depressiv ist und Selbstmordgedanken hat. Immer höher – weiter – besser muss es sein.

    Und gerade dann, wenn man eh sehr sensibel ist, dann hat man es nochmal etwas schwerer in dieser Welt. Eine Welt, die auf Leistung und Erfolg aufbaut.

    limalisoy ich wünsche dir von Herzen, dass (weiterhin) auf dich achtest, auf dich hörst was für dich (und deine Kinder) wichtig ist. Das du dich nicht (nicht mehr) selbst unter Druck setzt um irgendwelchen Ansprüchen gerecht zu werden.

    Bei mir ist es jetzt 15 Jahre her, seitdem ich zusammengebrochen bin. Diagnose: Depressionen mit posttraumatischer Belastungsstörung. Auf letzere möchte ich nicht näher eingehen (auch wenn ich mit meiner Vergangenheit offen umgehe, hat aber hier nix verloren 😉 ). Die PTSB war zwar mit ein Grund für die Depressionen, aber nicht der Einzige. Auch Mobbing in der Firma gehörten dazu, gepaart mit enormen Erfolgsdruck seitens der Familie und ständigen (Selbst)Vorwürfen. Von der Familie und von mir selber. Ich habe funktioniert. Gelächelt nach außen, nach innen geweint. Mich selber verletzt, um mich spüren zu können…… Erst nachdem ich zusammengebrochen bin und in eine Klinik kam, habe ich nicht nur gelernt, auf mich, meinen Körper und meine Bedürfnisse zu hören. Nein zu sagen statt Ja. Sondern auch, dass dieser „Zustand“ schon viele Jahre bestand. Ich es nur nie sehen wollte. Jahrelang nur funktioniert habe, verborgen hinter einer gut sitzenden Maske.

    25 Jahre war ich alt, wie ich zusammengebrochen bin. 3 Jahre später wurde ich in Rente geschickt. Heute gelte ich zwar als geheilt, bin aber wegen der PTSB dauerhaft erwerbsunfähig.

    Und gerade in dieser dunklen Jahreszeit bin ich oft am Verzweifeln. Weine leise in das Fell meiner Kaninchen. Wenn mir wieder mal bewusst wird, was (und vor allem: wen!) ich alles verloren habe. Unwiderruflich.

    Im Moment ist es wieder sehr akut, ich bin leer und ausgebrannt. Medikamente kann ich nicht nehmen wegen der Nebenwirkungen (ich muss noch andere nehmen wegen körperlichen Problemen).

    Somit bleibt mir „nur“ mich bei meinen Kaninchen zu trösten und zu versuchen, kleine Lichtblicke in diese dunkle Jahreszeit zu bringen. Normal ist der Schnee so ein Lichtblick (auch wenn ich manchmal fluche 😉 ). Aber heuer ist uns das nicht gegeben. So bleibe ich unterwegs auch einfach mal stehen und sauge die Sonne in mich ein, wenn sie sich zeigt. Versuche kleine Rituale in meinen Alltag zu bringen oder mir einfach mal was besonderes zu gönnen. Und wenn es einfach mal ein paar Stunden Auszeit hinter einem gutem Buch sind.

    Antworten
    • Limalisoy
      23. Dezember 2015 at 14:52 (5 Monaten ago)

      Liebe Aska,
      ich freue mich über deine sehr mutigen und offenen Worte.
      Auch wenn du nicht genau schreibst, unter welcher PTBS du gelitten hast, so höre ich doch Leidvolles heraus. Auch bei mir kamen viele Ereignisse zusammen, die ich immer wieder weggewischt und nicht aufgearbeitet habe. Ich glaube, ich verstehe dich sehr gut.
      Sich ins Fell zauberhafter sensibler und schmissiger Gefährten zu kuscheln, stelle ich mir schön vor.
      Meine Töchter sind auch sehr sensibel und empfänglich. Sie hätten auch gern Tiere, doch das geht leider nicht. Alternativ habe ich der Großen Voltigieren ermöglicht. Das hilft ihr sehr und ich genieße es, wenn ich ihren zufriedenen Gesichtsausdruck sehen darf, wenn sie auf dem Pferd turnt.
      Ich wünsche dir sehr, dass du in der Weihnachtszeit auch positive Erfahrungen machst und immer mehr Momente findest, die deine Tränen beiseite wischen lassen. Ich freue mich, wenn ich wieder etwas von dir lesen darf und drücke dich ganz fest aus der Ferne!

      Antworten
      • Aska
        23. Dezember 2015 at 19:44 (5 Monaten ago)

        Die PTBS wird leider dauerhaft mein Begleiter sein (mittlerweile hat sie die Vornamen „komplexe chronifizierte“ bekommen *seufz*). Jetzt sind es 15 Jahre und ich habe zu 99% die Hoffnung aufgegeben, dass es sich jemals ändert. Aber ich bin eine Kämpferin und lasse mich nicht unterkriegen 😉 . Wenigstens habe ich die Personen, die Schuld an der Misere sind, überlebt. Das war für meinen Heilungsweg ein wichtiger Umstand. Auch wenn ich „nur“ aus austherapiert, jedoch nicht als geheilt gelte. Und es selber auch so sehe.

        Es ist leider oft so, dass man Belastendes wegwischt. Solange, bis es nicht mehr weitergeht und alles auf einen Knall sich ins Gedächtnis zurück explodiert.

        Schön, dass deine Große Voltigieren möglich ist, es ist sicherlich auch ein guter Ausgleich zum Alltag. Der, wie ja schon geschrieben, auch für Kinder heutzutage schon viel zu stressig ist.

        Danke für deine Wünsche, möge dein bzw. euer Fest auch viele positive und glückliche Momente haben.

        Und dich mal zurück drücke 🙂 .

        Antworten
  10. NiLa
    29. Dezember 2015 at 22:52 (5 Monaten ago)

    Habe PTBS und auch aus anderen Gründen, wie heftiges Mobbing u.a. Depression. Meine Fassade steht,automatisch, quasie immer. Meine engste Freundin ist meine Schwester, die das gleiche hat undsofort sieht wann es mir noch schlechter geht als sonst. ich finde die Worte nicht,die das ausdrücke wie es mir geht. Wenn ich sie aufschreiben will sind die Gedanken, die was dazu sagen können auch weg. Immer ist alles weg,sogar die Erinnerung an vorgestern, also immer wieder vorgestern, mal mehr mal nicht. Mein Mann und mein Sohn kommen damit klar.ich bin ja momentan in Rente, aber im haushalt helfe ich kaum. Ich will schon..eigendlich koche ich ja sogar gerne,aber…Ich nehme Medikamente, die helfen auch.Nicht einmal Weihnachten hat mich raußgerissen.So suche ich weiter Worte, die erzählen können was es ist dieses Gefühl, eigendlich die Gefühle..

    Antworten
    • Limalisoy
      3. Januar 2016 at 12:01 (5 Monaten ago)

      Liebe NiLa,
      deine Worte berühren mich sehr. Es ist verständlich, dass Mitpatienten eher fühlen, was los ist – denn sie haben ja ähnliche Erfahrungen. Dass sie gleichzeitig noch deine Schwester ist, macht euer Familienband sicherlich noch fester.
      Wie gut, dass der erst deiner Familie auch so gut daut zurecht kommt, denn das ist leider selten :-(.
      Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe und viel Kraft für die ganz schlechten Phasen. Ich freue mich, dass du mir einen klitzekleinen Teil deiner Geschichte erzählt hast. Vielen Dank!

      Antworten
  11. Miss-Manie
    9. Januar 2016 at 14:17 (5 Monaten ago)

    Toller Artikel, so sehe ich das ganze auch. Man muss einfach allgemein an das Thema psychisch Erkrankungen ran. Und zwar mit Geduld und Zuversicht. Auch wenn uns die Gesellschaft keine Zeit zum Gesund werden geben mag. Dein Apell ist toll!

    Antworten
    • Limalisoy
      9. Januar 2016 at 15:33 (5 Monaten ago)

      Danke für deinen Zuspruch! Wenn wir alle an dieser Front arbeiten, uns zusammentun und gemeinsam eine Stimme erheben, kann man bald nicht mehr wegschauen oder die Thematik verharmlosen!

      Antworten

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