Traurig, wütend, enttäuscht und überhaupt mit völliger Verzweiflung und innerer Zerrissenheit schleudert Alva ihrer Mutter diese vernichtenden Worte entgegen: “ Du – hast – mich – auf – dem – Gewissen!“

WARUM?

Alva lebte in einem Eispalast: Sie war die zweite Wahl. Ein Aschenputtel, das stets folgsam diente und doch keine Anerkennung bekam. Sie suchte nach Liebe, Geborgenheit und Nähe und doch bekam sie nur das Gegenteil. Mit den Jahren gewöhnte sie sich daran und malte sich eine Welt aus, in der sie später einmal leben würde:

„Wenn ich nur alt genug bin, dann…“

Ihre Kindheit war ein Gefängnis, sie wollte dem entfliehen und hatte doch nicht den Mut, den Eispalast zu verlassen. Sie führte einen Kampf mit ihrem Gewissen: Ich muss bleiben, aber ich will hier weg! Irgendwann kommt der Prinz auf seinem Schimmel und dann reite ich mit ihm, aber meine Zeit ist noch nicht reif…

Jahr für Jahr lebte sie den gleichen Trott: Folgsam sein, brav und angepasst – nur nicht negativ auffallen… und doch lehnt sie sich irgendwann auf! Sie fasst sich ein Herz und kämpft gegen ihre angepasste Natur: „Scheiß was auf das Gewissen, jetzt ist mir alles egal!“ Sie sagt ihre Meinung und macht ihrem Ärger Luft. Doch sie bleibt still und ist nur in Gedanken laut…

Alles frisst sie in sich hinein und verlässt den Eispalast als sie alt genug ist. Doch in der weiten Welt ist ihr alles fremd: Güte, Warmherzigkeit und all das, wonach sie sich jahrelang gesehnt hat, macht ihr Angst. Sie verschließt sich allen Möglichkeiten. Alva ist innerlich gefroren, ein Eisklotz. Das eisige Gefängnis der Kinder- und Jugendjahre bleibt eine Prägung, die sich nicht ablegen lässt. Sie ist einsam, auch wenn sie unter Freunden ist. Sie lässt niemanden an sich heran, denn sie hat kein Vertrauen.

Als Aschenputtel ist sie aufgewachsen und als Aschenputtel lebt sie auch mit Traumprinz. Die Welt, die sie sich früher als Rettungsanker ausgemalt hat, ist ihr keine Hilfe.

Ein letztes Mal bäumt sie sich auf und fasst nun endlich den Mut zusammen, die Worte an ihre Mutter zu richten, die sie schon so oft in Gedanken ausgesprochen hat.

 “ Du – hast – mich – auf – dem – Gewissen!“

Ihr rotglühendes Gesicht strahlt. Erleichtert dreht sie sich um und springt – ihre Qual ist beendet…

Dies ist ein Beitrag zum [*.txt]-Projekt des Österreichers Dominik Leitner. Weitere interessante Erzählungen, Geschichten und Berichte zum 14. Wort findet ihr hier.

Gewissen

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