Ich bin eine Nomadin: Immer auf der Suche nach dem eigenen Ankommen. Doch was „ankommen“ bedeutet, das weiß ich nicht.

Immer dann, wenn ich selbst glaubte, angekommen zu sein, war dies nur ein trügerischer Eindruck, der binnen kürzester Zeit seine echten Facetten offenbarte. Je näher ich mir selbst zu kommen glaubte, desto größer wurde die Distanz.

Als Nomadin bin ich rastlos, ruhelos und umtriebig. Ich suche nach meinem Platz. Ich suche nach den Menschen, die mich erden und mit denen ich mich vollständig fühle.

Die Menschen, die mich suchen, die mein Inneres sehen wollen, halte ich aber auf Distanz.

Freiheit

Mauer

Niemand soll mir wirklich nah kommen, hinter meine Mauer schauen und sehen können, was sich dort verbirgt. Zu groß ist die Angst, dass ich selbst erkenne, was ich nicht sehen will. Und so laufe ich weg, suche nach einem neuen „inneren“ Heim, nach eine neuen Quelle, die mich eine zeitlang nährt – so wie die Nomaden, die seit Urzeiten dort ansässig sind, wo es Nahrung gibt.

Eigentlich möchte ich keine Nomadin sein. Eigentlich möchte ich geerdet sein und in mir selbst ruhen können. Möchte die Welt mit all ihren Schönheiten erkennen. Möchte fröhlich durchs Leben ziehen und meine Lieben an mich binden anstatt sie auf Distanz zu halten. Doch was mache ich stattdessen? Ich ziehe Mauern, hinter die niemand blicken darf. Mauern, die an manchen Tagen so hoch sind, dass ich selbst nicht mehr weiß, was sich dahinter überhaupt verbirgt.

Seismograf

DU bist mein Seismograf. DU bist hochsensibel und empfängst Zwischenmenschliches ohne Worte. Du schlägst mit deinem Wesen aus und zeigst mir so, was ich vor meinen Augen verborgen halte. Auch wenn ich oftmals hilflos bin und nicht weiß, was DU mir auf deine spezifische Weise zeigen möchtest, kann ich nicht leugnen, es als Spiegelbild meiner eigenen Seele zu sehen.

DU lässt mich wissen, das etwas nicht stimmt. DU lässt mich hinschauen, auch wenn ich meine Augen lieber schließen möchte. DU holst mich ins Hier und Jetzt, auch wenn ich jenseits meiner Selbst bin.

Auch wenn ich dir mit ausgestreckten Armen begegne und die unsichtbare Distanz für dich fühlbar mache, bist DU die Person, für die es sich lohnt, das Nomadenleben zu verändern und gegen meine depressiven Schübe anzukämpfen.

DU bist ein Teil von mir und auch wenn ich mich distanziere, durchbrichst DU jede Mauer und zeigst mir immer wieder aufs Neue, dass du mich brauchst. Meine Worte kannst du noch nicht verstehen und doch glaube ich, dass du um ein Vielfaches mehr verstehst als du mit Worten ausdrücken kannst.

Dies ist ein Beitrag zum [*.txt]-Projekt des Österreichers Dominik Leitner. Es beinhaltet das sechzehnte Wort „Distanz“. Weitere abwechslungsreiche Beiträge zu diesem Wort gibt es hier.

 

 

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2 comments on “Nomadin => [*.txt]”

  1. Ach, das mit den Mauern kenne ich!

    Aber ich weiß inzwischen, dass sie auch eine Funktion haben: Mich zu schützen. Und weil ich das weiß und gelernt habe, auf mich aufzupassen und mich auch anders zu schützen, kann ich die Mauern ein Stück weit wieder einreißen bzw. den Schutzschild vorsichtig senken. Mauern sind ja an sich nichts Schlechtes, nur wenn sie einen daran hindern, man selbst zu sein, sind sie eben genau das: Mehr hinderlich als nützlich.
    Macht das Sinn?

    Alles Liebe schickt durch sämtliche Mauern

    die Küstenmami

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