Viele Jahre bin ich bereits durchs Leben getanzt und habe den Takt so gut es eben ging gehalten. An einigen Tagen gelang es mir sehr gut, mir dabei selbst nicht auf die Füße zu treten, an anderen Tagen hatte ich jedoch meine liebe Mühe, das Tanzen beizubehalten. Es glich einem unbeholfenen Treten von einem Fuß auf den anderen. Doch trotzdem habe ich weitergemacht und eine Fassade aufgebaut, die mich vor kritischen Blicken schützte. Meine Mauer war bald so hoch, dass ich selbst nicht mehr drüber schauen konnte und mich im veränderten Takt des Lebens verloren habe.

Vulkanausbruch

lava-67574_1280Vor fast genau zwei Jahren brach dann diese Mauer und mein Tanz des Lebens glich einem Tanz auf den Vulkan – einer, der brodelte und darauf wartete, seine aufgestaute heiße Masse zu ergießen.

Beim Brodeln blieb es dann jedoch nicht! Es kam wie es kommen musste und ich brach unter meiner eigenen Last zusammen.

Mein Tanz benötigte nun einen anderen Takt. Einen, der mir einen Gleichschritt bringen und mich zu dem Menschen zurückführen sollte, der ich eigentlich bin. Der Mensch, hinter dessen Mauern ich mich jahrelang versteckt hatte.

Doch dafür musste ich lernen, warum ich den beschwingenden Takt verloren habe und an welcher Stelle sich der falsche Takt eingeschlichen hatte.

Viele Steine

Ein mühsamer Weg, auf dem so viele Steine auf mich warteten. Ein Weg, der mich an manchen Tagen noch weiter zurück führte. Nach nunmehr zwei Jahren kann ich sagen, dass sich dieser Weg wahrlich gelohnt hat und ich nun viel achtsamer mit meinem Tanz durchs Leben umgehe. An vielen Tagen gelingt es mir nun wieder, einen fröhlichen Swing aufs Parkett meines Lebens zu legen, ab und zu noch ein Slowfox, gelegentlich ein regelmäßiger Walzer im 4/4 Takt oder zwischendurch mal ein fröhlicher Rock ´n´ Roll. Bei dieser Abwechslung fällt ein strenger Paso Doble oder ein Tag, an dem ich mal gegen den Takt tanze, nicht mehr ins Gewicht.

Taktwechsel

Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt – all dies in immer kürzer werdenden Abständen. Die kleinste Kleinigkeit hat mich dabei aus der Bahn bringen können. Ich selbst habe nur noch funktioniert, mein Programm abgespult und mich bewegt wie ein schlecht programmierter Roboter. Gefühle waren ausgeschaltet, keine Begeisterung, keine Leidenschaft, keine Freude.

Nur innere Leere oder aber eine auf mich selbst gerichtete Wut, wenn mir eine Aufgabe nicht gelang. Keine meiner vielen Rollen konnte ich ausfüllen. Ich war keine Mutter, keine Freundin, keine Studentin. Ich war nichts mehr, nur noch eine Marionette meiner inneren Programme, die trotz allem versuchten, das altbekannte Programm abzuspulen.

Am Boden

Zusammenbruch=> RÜCKBLICK: Als Mutter gehe ich mit auf den Spielplatz und beobachte meine Kinder. Ich sehe, wie sie vergnügt über den Platz tollen – SIE können noch tanzen, während ich selbst das Parkett des Lebens schon fast schon verlassen habe. Die Gedanken, die mich noch erreichen, schmerzen. Ich mache mir Vorwürfe, warum ich nichts empfinde, warum die Freude der Kleinen mich nicht erreicht. Es strengt mich an, trotz allem gute Mine zum betrübten Spiel zu machen.

Alles in mir kämpft: Ein Kampf, bei dem sich Engelchen und Teufelinnen darum streiten, ob ich das Handtuch werfe oder meine letzte Kraft nutze, um ein Timeout zu beantragen und noch einmal mit dem Coach nach neuen Strategien suche. Die Verlockung nach einem kurzen und schnellen Ende ist allgegenwärtig – den aktuellen Tanz möchte ich nur noch beenden. Weglaufen, aufgeben!

Meine Kinder merken, dass etwas mit mir nicht stimmt und versuchen immer wieder, mich auf das Parkett des Lebens zu holen – auf ihre eigene fröhliche Art. Ich weiß das, ich merke es und doch kann ich ihrem Wunsch nicht folgen. Ich bin nicht mehr da und habe mich innerlich verabschiedet.

Ein letztes Aufbäumen

Ich habe mich vorbereitet und wichtige Erledigungen vorgenommen. Es soll mein letzter Tanz werden. Meine Stimmung bessert sich, mit einem Mal ist alles einfach! All die Sorgen und trüben Gedanken werden bald erlöst sein. An die Menschen, die nach meinem letzten Tanz auf dem Parkett zurückbleiben, denke ich nun nicht mehr. Mein Blick richtet sich nach vorn, nach der hoffnungsvollen Erlösung. Mich braucht niemand mehr, ich bin keine gute Tanzpartnerin.

Doch dann kommt alles anders! Im entscheidenden Moment durchschlägt mich ein Gedankenblitz und ich lasse mein ganzes Vorhaben sein. Jetzt weiß ich, dass ich kämpfen kann! Auch wenn meine Gefühle und meine innere Leere mir vorgaukeln, dass ich keine Kraft mehr habe, bäume ich mich innerlich auf. Ich suche mir Hilfe und lerne wieder zu tanzen. Es ist harte Arbeit und schmerzt. Schleusen öffnen sich und endlich kann die brodelnde Lava abfließen. Es folgen Tage, die durch all´die Asche vernebelt sind. Getrübte Stimmung, getrübter Blick und doch muss das sein!

Ich bin nicht mehr mit mir allein, sondern habe Gleichgesinnte gefunden, die mich spiegeln. Ich sehe nun klarer: Um mich herum sind nicht nur tanzende Menschen. Es muss nicht alles perfekt sein, um sich doch rhythmisch auf dem Parkett des Lebens bewegen zu können.

Zunehmend gewinne ich an Selbstvertrauen und Sicherheit zurück. Steine, die sich mir zuvor in den Weg gelegt haben, kann ich aus dem Weg räumen.

Und während sich die Asche gelegt hat, hat sich auch der Vulkan beruhigt. Er hat einen Krater hinterlassen, aber auch dort kann wieder Neues entstehen. Es braucht nur alles seine Zeit.

Der letzte Tanz ist noch lange nicht getanzt!

Etwas Persönliches: Depression ist ein Thema, das uns alle angeht und jeden treffen kann. Aufklärungsarbeit ist mir wichtig. Noch wird viel zu viel unter den Teppich gekehrt oder verharmlost. Meine Geschichte zeigt, dass es bei weitem keine Harmlosigkeit ist, sondern zum lebensbedrohlichen Problem ausreifen kann. Es ist die Krankheit, die Überhand nimmt und den logischen Verstand ausschaltet. Dass ein Leben nicht mehr lebenswert erscheint, Gefühle taub werden und die eigenen Kindern, die die man am meisten liebt, so gut wie gar keinen Raum mehr im eigenen Leben einnehmen, ist schlimm. Ich möchte Menschen, Mut machen, sich zu öffnen, sich zu offenbaren und Hilfe zu suchen, damit ein Leben wieder möglich ist. Daher habe ich eine Bitte: Wenn euch der Beitrag gefallen hat, teilt ihn oder sprecht darüber. Wenn ihr Fragen an mich habt oder Anregungen benötigt, wie ihr mit depressiv erkrankten Menschen umgehen könnt, tretet mit mir in Kontakt. Aber bitte gehört nicht zu denen, die das Thema totschweigen. Die dunklen Monate sind die schlimmsten, da die Lebensfreude in dieser Zeit auf ein Minimum sinken kann.

Mit diesem persönlichen und wichtigen Beitrag nehme ich am [*.txt]-Projekt des Österreichers Dominik Leitner teil. Er bezieht sich auf das fünfzehnte Wort „Tanz“. Bei dieser Textreihe geht es darum, sich auf eigene Art und Weise einem vorgegebenen Wort sprachlich anzunähern, seine Gedanken und Ideen in Worte zu fassen und sie zu teilen. Weitere Beiträge zu dieser inspirierenden Blogparade gibt es hier.

Gefällt dir der Beitrag? Dann freue ich mich übers Teilen 🙂

3 comments on “Tanz auf dem Vulkan”

  1. Danke für den Text! Da meine Mutter seit längeren an Deppressionen leidet, kenn ich das Thema leider sehr gut. Als Angehöriger ist man da manchmal furchtbar hilflos und auch irgendwie alleine. Es ist nicht immer einfach, zu verstehen, was bei meiner Mutter gerade passiert und die richtigen Worte zu finden. Von daher bin ich froh über jeden Text, der mir Einblicke gibt und hilft, ein bisschen besser zu verstehen, was los ist. Danke für Deine Offenheit!

    • Liebe Nathalie,

      danke für deine Worte. Mich freut es, wenn ich ermunternde Kommentare bekomme und anderen durch meine Offenheit helfen kann. Ich selbst habe jahrelang die Augen verschlossen und nur funktioniert. Wenn es mir gelingt, Menschen mit meinen Worten zu berühren, zum Nachdenken anzuregen und irgendwie zum Hin- statt Wegschauen bewegen kann, dann wird mein eigenes Lächeln im Gesicht immer größer.
      Ich wünsche dir viel Kraft, Geduld und Ausdauer, um für deine Mutter da zu sein. Zwischen all den dunklen Tagen wird hoffentlich der Lichtblick immer größer!
      Alles Liebe,
      Yvonne

  2. Wow. Der Text macht mir echt Gänsehaut. Du hast das wirklich anschaulich geschrieben. Eine Freundin von mir hatte Depressionen nach der Geburt ihrer Tochter und sie konnte auch nur mit professioneller Hilfe aus diesem Loch wieder heraus kommen. Fast 6 Monate lang konnte und wollte sie ihr Kind nicht lieben, sehen oder gar anfassen oder knuddeln. Sie fand sich überflüssig in dieser Welt und wollte auch „ihren letzten Tanz tanzen“. Aber auch sie hat sich helfen lassen und liebt ihr Kind jetzt über alles.

    Ich drücke dir die Daumen, dass du so eine Zeit nicht wieder durchmachen musst. Toi toi toi!
    Ganz liebe Grüße, Christine

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